[hinter versteckt sich jeweils ein Bild zum Thema]

Brasilien-Rundreise 2000

Nachdem ich durch meine Facharbeit Blut lecken durfte an Brasilien und an Mãe Luiza, fragte mich Joachim Keller, ob ich nicht Lust hätte bei einer Rundreise mitzumachen, die im Sommer 2000 stattfinden sollte. Überlegen musste ich da gar nicht mehr, wie oft war ich in Gedanken schon in Mãe Luiza…diese Chance konnte ich mir nicht entgehen lassen.
6 andere Mitstreiter hatten sich gefunden. Unser Ehepaar Joachim und Ingrid, aus Eggenthal (einer weiteren Partnergemeinde im Allgäu) Lisa und Christiane und noch 2 jüngere Hüpfer Irmi und Alex. Mit einigem Abstand war ich die Jüngste, doch entweder die Gruppe machte mich älter oder in den meisten Fällen weckte ich kindliche Verhaltensweisen bei den anderen.

Ende Juli ging es los, es war mein erster Flug überhaupt, so fing alles schon mit einem Highlight an. Wir landeten in Natal, ich erinnere mich noch sehr gut an die Wand aus heißer Luft, die uns begegnete und die Umarmung eines durchnässten Sabino.
Mãe Luiza war natürlich allein geographisch schon ganz anders als in meinen Vorstellungen und Träumen. Die Hitze ist belastend, die Füße schwellen an…man versteht natürlich kein Wort und wir blieben ziemlich auf Sabino angewiesen. Er hatte auch ein Besuchsprogramm geplant, so waren wir in São Bento do Norte um die Hängemattenproduktion dort zu besichtigen und einige Anregungen für neue Muster zu holen. Auf dem Rückweg schauen wir bei Bischof Jaime in Caicó vorbei, es war nach meiner Firmung der zweite Kontakt mit einem Bischof. Und obwohl wir nicht dieselbe Sprache hatten, fanden wir doch Wege um uns ungezwungen und ziemlich lustig zu unterhalten.
Aber natürlich haben wir auch Mãe Luiza in allen Himmelsrichtungen durchquert und auch wunderbare Touristenfehler begangen. Folgende Situation: es ist Samstag, heiß und wir beschließen an den Strand zu gehen. Alle kommen mit Rucksack und allen brauchbaren Utensilien, Fotoapparat, Sonnenmilch, Bücher, Sonnenbrille…etc. Dann fragen wir uns erstmal nach dem Weg durch, schnell weiß ganz Mãe Luiza, dass wir an den Strand wollen…
6 Käsefrauen und ein Käsemann. Wir landen am Strand von Mãe Luiza, der eigentlich recht verlassen und einsam strahlt. Überwältigt vom Anblick beginnen wir in alle Richtungen zu fotografieren, jeder bleibt irgendwo stehen.
Bis dann ein junger Mann mit einer Pistole (echt oder nicht??) auftaucht und zu verstehen will, dass er die Rucksäcke haben will. Joachim versucht uns noch von ihm abzuschirmen, was erst auch gelingt, doch Lisa und Christiane befinden sich etwas abseits und so fokussiert der Junge seine neuen Opfer und ist dort auch erfolgreich. Fotoapparat und einiges andere sind futsch, da hilft auch kein Absuchen der Dünen mehr.
Soweit zu den ersten Erfahrungen mit Gewalt und Kriminalität, ich bin mir auch ziemlich sicher, dass es ein Junge aus Mãe Luiza war. Während unseres Aufenthaltes muss ich außerdem noch das Verschwinden einer Hose von der Wäscheleine beklagen…ja doch, das Leben ist etwas anders als in Good old Germany.

Nach zwei Wochen "warm werden" in Mãe Luiza ging es weiter nach Salvador de Bahia. Das bedeutet Tourismus pur, Strand und Kultur. Die Altstadt (Pelourinho) ist sehr schön restauriert, ebenso wie der mercado modelo, wo der Tourist alles findet, was er brauchen oder auch nicht brauchen kann. Mir war es ehrlich gesagt zu viel, zu viele Händler, zu viel Lärm, zu viele Touristen. In meine folgenden Reisen nach Salvador konnte ich auch die andere Seite dieser Stadt kennen lernen. Die Probleme der Bewohner des Pelourinho, die Stück für Stück aus dem Stadtbild verschwinden sollen, die Situation der Prostituierten und der Straßenkinder. Es gibt in Salvador einige NGOs, die sich den Radgruppen annehmen. Ein bekanntes Projekt dürfte auch OLODUM sein. Über einige Ecken konnten wir im Casa Olodum mit dem Manager sprechen und er erklärte uns die Arbeit mit den Kindern und auch Erwachsenen, die bei Olodum vor allem Trommeln und Musik lernen.
Die "Alten" von Olodum sind eigentlich ständig in aller Welt auf Tournee (ich hab sie dann mit Alex backstage in der Münchner Muffathalle erleben dürfen) und vermarkten sich ganz gut. Ein besonderer Punkt Salvadors ist sicher auch die Wallfahrtskirche Bomfim… vor ihr und in ganz Salvador bekommt man die kleinen Bändchen angeboten, die 3 mal verknüpft werden und mit einem Wunsch verbunden sind, der sich erfüllt, wenn das Band ohne Gewalteinwirkung abfällt

Von Salvador ging es ins Pantanalgebiet, auf Stadt folgt gähnende Weite und wunderbare Natur. Durchs Pantanal führt nur eine Strasse, die Transpantaneira. Da das Pantanal eines der größten Überschwemmungsgebiete der Erde ist, hat die Transpantaneira so um die 140 kleine Holzbrücken, die in unterschiedlichem Zustand sind - manchmal wirklich unbefahrbar- abenteuerlich in jedem Fall. Hier sind wir auf einer Art Farm, reiten aus, strömen im Morgengrauen zu den Wasserstellen um den Krokodilen beim Frühstücken zuzusehen. Erste Einführungen ins Piranjafischen, das Pantanal besteht aus unzähligen Flüssen, auf denen wir bis zur Orientierungslosigkeit herumfahren.

Weiter in die Berge, Chapada de Guimaraes, ein Tafelgebirge im Landesinneren. Hier heißt es in brütender Dürre/ Hitze in Dornenwiesen wandern, Panorama genießen und Papageien mit dem Objektiv hinterherjagen. Auch hier ist der Erholungswert hoch, viele Wasserfälle an lagunenartigen Stränden mitten in den Bergen. Oft fühl ich mich der Realität enthoben, nichts scheint wirklich, zu schön und noch nie erlebt. Wir machen auch Bekanntschaft mit dem Rhythmus Brasiliens. Am Abend fährt ein Auto genau vor die Bar in der wir sitzen, die Insassen öffnen den Kofferraum und schon ist Irmi dabei, Samba tanzen zu lernen. Im Gegenzug versucht sie einem Sohn der Familie die europäische Tanzhaltung zu demonstrieren. Er findet daran Gefallen, wir auch…wir haben an diesem Abend unheimlich viel gelacht.

Schon ist es Zeit für Manaus und den Amazonas. Kennt man ja eh aus dem Fernsehen…-Nein, kennt man nicht, man kennt vielleicht Bilder, aber nicht mehr. Dazu gehört die hohe Luftfeuchtigkeit, der Geruch des Wassers, der Lärm der Vögel, Bewegungen der Tiere. Eine manchmal gespenstische Atmosphäre, meistens jedoch einfach nur zum Staunen schön. Man wird sehr klein als Mensch auf einem riesigen Flussarm und man wird hilflos gegen die Mücken, die mit der Dämmerung einfach kommen. Da kann man soviel anziehen wie man will, das Wasser läuft und läuft, doch am nächsten Morgen sind die Stiche trotzdem da. Wir verbringen unsere ersten Nächte in Hängematten, essen Würmer, fangen Krokodile, trinken Wasser aus Lianen und lernen wie man Manjokmehl macht.

Letztes Ziel und gleichzeitig Ende der Reise ist Rio de Janeiro. Merkwürdigerweise habe ich relativ wenig Erinnerungen an diese Stadt. Das Wetter war jedenfalls nicht so toll, wir lagen mit Jacken zum Shooting an der Copacabana und sind nicht auf den Zuckerhut, weil der Nebel zu dicht war. Doch den Corcovado, die Christusstatue haben wir mit der Bahn erreicht und dort oben sogar eine Männergruppe aus Schongau getroffen. Rio ist auf jeden Fall eine tolle Stadt, wunderschön gelegen eingebettet in Buchten. Nach den Entdeckungen dort ging es also zurück nach Deutschland…noch nie war ich geflogen und bei dieser Rundreise hab ich locker mal 10 Starts und Landungen gesammelt, außerdem einige Zeitverschiebungen. Ich weiß schon, warum ich keine Uhr trage. Doch das Schönste an diesen Wochen war sicher das Unterwegssein, immer wieder aufzubrechen und neuem zu begegnen obwohl das Alte auch sehr schön war. Es ist genau das, was mich im Leben gepackt hat… es gibt so viele schöne Orte, tolle, interessante Menschen, Kulturen, Sprachen und Eigenheiten. Also mit viel Freude in die Zukunft.

Força Brasil!!!