Von: monika [mailto:faentchen@gmx.de]
Gesendet: Dienstag, 02.10.01 00:03
An: barbara aigner
Betreff: Newsletter # 11


oktober 2001

Hallo liebe Freunde und Freundinnen.
Jetzt ist es schon so weit, dass ihr mich auffordert wieder zu schreiben. Die Zeit vergeht ganz einfach viel zu schnell und ich denke immer, dass der letzte Brief doch noch gar nicht so lange her ist...
Zu Beginn möchte ich gleich aufgreifen, was die Welt im Moment sehr bewegt und wie man in Brasilien auf die Anschläge reagiert hat (so wie ich es erlebt habe). es war Dienstag mittag und ich bin aus der Mittagspause gekommen und da hat mich eine Nachbarin gefragt, ob ich das mit dem weissen Haus gewesen wäre. Ich hab nix verstanden und gefragt was denn, und sie sagte, dass in den USA Flugzeuge auf Häuser stürzen würden und dass es Terroristen sind. Ich dachte, es hätte "nur"einen Anschlag auf das weisse Haus gegeben. Später dann bin ich zu Nachbarn gegangen, die TV haben und hab gefragt, ob sie was gesehn hätten, da hat eine Alte geantwortet, dass es in Amerika Krieg gibt, sie glaubt den zweiten Weltkrieg . Ich hab dann gesagt, dass der schon war, woraufhin sie den Fernseher angeschaltet hat, dass ich es selber sehen konnte. Ich habe wirklich Angst bekommen, meine Hände haben gezittert, beginnen es heute noch, wenn ich Bilder sehe. Ich fand die Berichterstattung nicht besonders informativ, hab mir ne Zeitung gekauft und so alles verfolgt und habe Tage, an denen ich glaube, dass bald mal was passiert auf dieser Welt.

Alle Leute fanden es natürlich schrecklich, die Bilder zu sehen, aber politische Hintergründe hat von den meisten niemand. Viele haben mich gefragt, ob das nah dort sei, wo ich lebe, als klar wurde, dass leute aus Hamburg beteiligt waren, gab es laut der Nachbarin plötzlich schon Krieg in Deutschland(da ist mir die Luft weggeblieben). Und es gibt viele, die sagen, dass irgendetwas passieren musste, dass es Terror auf Amerikanischen Boden geben musste, weil die USA einfach zu mÄchtig, arrogant und einflussreich ist. Obwohl ich von Weltwirtschaft und Abhängigkeiten nicht viel verstehe und der Kapitalismus immer zu meinen Gunsten war, hab ich doch auch vor den Attentaten Gedanken gehabt, dass etwas in der Weltwirtschaft verändert werden muss, dass das Ungleichgewicht so weit gehen kann, dass alles zusammenbricht. Es gab nämlich ein Seminar in der Stadt, das von Sabino mitvorbereitet wurde, da fielen eben oft die Begriffe Kapitalismus Abhängigkeit und Globalisierung. Und ich habe angefangen, Deutschland auch aus der Perspektive des dritt- Welt- Landes Brasiliens zu sehen, das die niedrigen Löhne beibehalten muss, damit überhaupt ein Unternehmen investiert, ein Land, das auf der anderen Seite alle gut qualifizierten Einheimischen an die USA (oder andere Länder) verliert, weil sie dort besser verdienen. Ein Land, auf dessen Situation die USA grossen Einfluss hat.
Also gab es nach den Attentaten auch ein Freudenfest einer Partei hier in Natal und andere sprechen von einem genialen Coup, eben das Symbol des Kapitalismus anzugreifen, den Stolz von der USA zu verletzen. Jetzt macht man auch schon Witze darüber, weil der Mensch einfach vergisst und auf den nächsten Tag und die eigenen Probleme schaut. Denn was sind 5000 Opfer eines Attentats in der USA, wenn hier im Interior des Nordostens derzeit 11 Millionen Menschen unter Hunger und Dürre leiden, in sovielen Regionen der Welt Menschen unter Ungerechtigkeiten leiden, die von der USA geduldet und teilweise unterstützt werden?
Zählt die Trauer einer palestinensischen Mutter weniger als die einer amerikanischen?
Für die Menschen im Westen anscheinend. Mich erschreckt eben auch die Reaktion von seiten der USA, sie stellen sich auch einfach nicht die Frage, warum greift mich jemand an, sondern lassen ihre Rüstungsindustrie mal wieder auf Hochtouren laufen. Doch: Keine Ungerechtigkeit rechtfertigt ein solches Attentat auf Zivilbevölkerung und mal wieder ist es schockierend, dass die Religion ein so grosses Konfliktpotential darstellt und lösen wird es leider auch nichts.
Ich möchte zitieren, was Sabino dazu im Fala Mãe Luiza geschrieben hat. im Evangelium steht: Alles, was ihr auf Erden binden werdet, das wird auch im Himmel gebunden sein, und alles was ihr auf Erden lösen werdet, wird auch im Himmel gelöst sein. Sabinos Übersetzung: Alles was ihr auf Erden nicht macht, kann Gott im Himmel auch nicht machen. Wenn wir die Ungerechtigkeiten nicht lösen, kann er es auch nicht tun. Er glaubt fest, dass die Lösung der Probleme in der Humanität liegen. Das schwache Schulsystem (im Durchschnitt besucht ein Brasilianer 3,4 Jahre die Schule, die niedrigste Rate der Welt)wurde nicht von den Schülern erfunden, die Abstellung der psych. Kranken nicht von den Kranken und Kriege und Attentate werden nicht von den Opfern erfunden. Wer also steckt hinter Kriegen, hinter Hunger und Ausgrenzung?

Am 7. September war hier Volksfeiertag, Tag der Unabhängigkeit.
Mit Diego bin ich zur Militärparade, weil er ein ziemlicher Fan des Militärs ist. Wir waren früher dort und es herrschte Jahrmarktsstimmung, brasil. Fähnchen wurden verkauft, Stirnbänder, Essen, Trinken... Als es dann endlich begann, war ich eher erschreckt als begeistert. Schon kleine Kinder sind marschiert, Panzer sind aufgefahren...

Das interessante war eher, dass eine Gegendemo (Foto) kam, eine Gruppe der MST (movimento sem terra www.mst.org.br) ist mit ihren Fahnen und Flugblättern gekommen und dann wurden schnell berittene Militärs plaziert, die Demo abgesperrt.


Die MST waren an diesem Wochenende zuhause auf einer Strasse im Stadtzentrum, dort haben sie ihre Zelte aufgeschlagen und die Hängematten gespannt.
Im Grunde fordern sie eine Reform des Grossgrundbesitzertums, besetzen Land, um eigenes Ackerland zu bekommen. Weitere Infos auf der Internetseite, es gibt auch eine deutsche Ausgabe der Seite, die dort verlinkt ist. Lohnt sich dort vorbeizuschauen, auch um bisschen über die Politik in diesem Land zu erfahren.
Die Uni ist immer noch im Streik, ausserdem ein paar Krankenhäuser, die Schulen streiken auch mal immer ein/ zwei Tage in einer Woche.

Aber jetzt mal nach Mãe Luiza.
Hier gibt es auch viele Neuigkeiten und es wird viel gearbeitet. Zum einen hat im Espaço solidario die ärztliche Betreuung durch einen Psychologen und eine Zahnärztin angefangen, es gibt also eine richtige Praxiseinrichtung und auch Schwangere werden dort in einem Projekt begleitet werden, da sie besondere Zahnpflege brauchen, aufgrund des Erbrechens und der manchmal eigenartigen, oft süssen Nahrungsmittel. Überhaupt soll ein bessere Umgang mit dem eigenen Körper angeregt werden.
Ich bin mindestens 2mal die Woche im Espaço Solidario, die Atmosphäre dort ist einfach einzigartig, jung und alt, ich habe schon häkeln und Macramê gelernt, letzte Woche ergab sich die Situation, dass die älteren Reise nach Jerusalem gespielt und sich mächtig amüsiert haben, während die junge Generation am Rand sass und mit den Maschen gekämpft hat. Dieses Haus kommt unheimlich gut an und es gibt auch freiwillige,die dort Aktivitäten wie Handarbeiten anbieten. Auch werden Studenten einer Privatuni eine Zeit lang im Espaço und im Casa Crescer als Praktikum arbeiten, d.h . Kunstprojekte durchführen. Ich weiss schon gar nicht mehr, wie Mãe Luiza "überlebt hat"ohne dieses Haus. Viele Witwen sind dort, Jugendliche kommen um sich massieren zu lassen, man tanzt Folklore und immer wird geredet, geschwatzt, es gibt einen kleinen Snack und es ergeben sich schöne Gespräche. Ich beginne mich zu wundern, was ein Mensch alles aushalten kann. Die Gespräche drehen sich über schlagende Söhne, Ehemänner und Tochter, über Hunger und Drogen.
Alte Menschen haben wirklich viel zu erzählen und wissen, wie das Leben hier funktioniert. Frauen, die seit Jahren ihr Haus nicht verlassen haben, seit Jahren nicht getanzt haben knüpfen jetzt Freundschaften, es ist ein sehr gutes Klima dort, ich geniesse es immer.

Die Strassen der Deutschen, der Schweizer, der Belgier und der Solidarität in Sopapo , also Brisa do mar werden gerade von der Prefeitura gepflastert und bei den letzten 3 Häusern wurde mit dem ersten Stock begonnen.

Der Supermarkt in der strasse, wo wir wohnen, wurde am hellichten Tag überfallen, ohne dass jemand etwas auf der Strasse bemerken konnte. ich hab dann gefragt, wie das möglich ist und sie haben geantwortet, dass die überfälle hier sehr ruhig und diszipliniert ablaufen, die Diebe sprechen langsam und leise, halten die Pistole oder das Messer nur sichtbar für die Kassierin und gehen ruhig davon. Danach war das Viertel voll von Polizei, mit Hunden, Pferden Autos...aber nichts.

In der Kirche werden die Betonbänke gerade mit Holzlehnen versehen, was die Messe noch angenehmer macht, besonders für die Älteren.

Ich hab mich überwunden und zu einem Pique-nique überreden lassen. Und jetzt weiss ich endlich, was ein gelungenes Pique-nique ist. Wir sind mit dem Bus einer Mutter einer Schülerin von mir gefahren, es war eine gute Gruppe, Freundinnen der Mutter, also schon reife Frauen und dem Alkohol nicht allzusehr verfallen. Es ging nach São Miguel de Gostoso, ein Interior 2 Stunden von Natal. Dort haben wir die Sachen im Haus einer Schwester von Fatima (der Mutter) gelassen und sind zum Fest des Patronen der Stadt. Die Stadt war voll mit Bussen und Autos, halb Mãe Luiza war mal wieder dort. Wir haben aber dann das grosse Fest verlassen und sind in eine kleine Bar, wo alter Forro live gespielt wurde, Ziehharmonika, triangel und eine Pauke, gespielt von ältern, echten Nordestinos mit Hut, Hemd und von der Sonne und der Arbeit gezeichnetem Gesicht. Ich hab mich gefühlt wie im Film. Getanzt haben auch viele alte Paare, aber auch junge. Aber es war so schön den Menschen im Rythmus zuzuschauen, wie die Gesichter gestrahlt haben, der Schweiss von der Stirn rann. Dort waren und tanzten wir bis zum Sonnenaufgang, es war nahe am Meer, zum Frühstück gab es ein Kokoswasser, frisch gepflückt von einem der Musiker, wunderbar.
Dann haben wir 2 Stunden geschlafen, bis Fatima uns weckte und zum Strand trieb, wo sie ein Fischerboot der Familie organisiert hat, mit dem wir vormittags aufs Meer gefahren sind, um dort auch zu baden. Und jetzt weiss ich ,dass man noch lange nicht schwimmen kann, wenn man am Meer wohnt. Denn die meisten sind nur im seichten Wasser baden gegangen, da sie wahrhaftig nicht schwimmen konnten. Seitdem frage ich in Mãe Luiza auch immer etwas herum und die wenigsten können schwimmen. Zu Mittag haben wir churrasco gemacht, sprich gegrillt, in einem Haus einer anderen Schwester, die ganze Strasse bestand aus der Familie. Wo wir geschlafen haben war das Haus eines Bruders, seine Frau ist vor 20 Tagen gestorben, seitdem kümmert die 13-jährige Tochter sich um Haushalt und Geschwister, sie tat mir echt leid, das Haus ist auch ganz arm, es wird mit Feuer gekocht, kein fliessendes Wasser, etc.. Aber insgesamt bedrückt mich die Situation dort weniger als in Màe Luiza, die Leute sind zwar ärmer, die Häuser viel einfacher(ohne Ziegel und mit Naturholz erbaut), aber es gibt Platz, die Häuser sind grösser, es gibt grosse Gärten, wo manchmal ein Brunnen steht, oder Wasserbehälter zum Baden. Auch die Küche ist ausserhalb des Wohnhauses, in einem überdachten Teil des Gartens. Und auf der Strasse ist es angenehm ruhig, keine laute Musik, keine hinterherpfeifenden Männer, weniger Gewalt. Sogar Ochsenkarren kreuzten dort unsere Wege. Ich habe es sehr genossen und nette Menschen kennengelernt.

Hier in Mãe Luiza gibt es oft Streit auf der Strasse, es gibt einige Personen, die auf der Strasse leben, viele Betrunkene und unter Drogen stehende Leute, manchmal find ich es anstrengend durch die Strassen zu gehen, in Häuser zu sehen. Aber das sind nur einige Momente, es gibt auch Tage, an denen ich es geniesse durch die Gassen zu gehen, mich unter aufgehängter Wäsche zu bücken, Kinder meinen Namen rufen zu hören, mit Leuten zu albern, auf der Strasse zu sitzen, auf einen Cafézinho eingeladen zu werden und am Leben auf der Strasse teil zu haben. Mit der Zeit kenne ich doch schon viele Leute und fühle mich wohl unter ihnen.

Meine Mama hat mir einen von den Kalendern geschickt, den der Freundeskreis Mãe Luiza gemacht hat, mit den Kinderfotos aus Mãe Luiza.
Er gefällt allen hier sehr, sehr gut und am liebsten hätte jeder hier einen . Und für mich ist es auch schön die Fotos zu sehen, weil ich jetzt Namen und Geschichten einiger Abgebildeten kenne und die Eltern sind natürlich sehr, sehr stolz, dass ihre Kinder jetzt in Deutschland an der Wand hängen



Auch hab ich die Internetseite www.maeluiza-penzberg.de besucht und darf allen Beteiligten nochmal mein Lob aussprechen und hoffe, dass die Seite gut besucht wird von Euch.

Auch wünsch ich allen viel Freude und gute Stimmen bei der Gospelnacht, auch hier singt Sabino in seinen Englischstunden die Gospels der Gospelnacht CD und wer weiss, vielleicht gibt es auch hier bald eine Gospelmesse?

Viele Grüsse in den Herbst

eure moni

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