Von: monika [mailto:faentchen@gmx.de]
Gesendet: Dienstag, 05.02.02 16:01
An: barbara aigner
Betreff: Newsletter # 15



Jeder Mensch hat so seine persönlichen, kleinen, heiligen Augenblicke... dieser ist wohl gerade einer dieser Augenblicke in meinem Leben...warum?
Nun ich bin wohl gerade dabei meinen letzten Bericht an euch zu schreiben und da beginnt mein Kopf sich mit meinen Gedanken plötzlich ziemlich zu drehen.
Was will ich denn unbedingt noch erzählen, ist es Zeit jetzt schon zurückzublicken, mir Gedanken zu machen über das was ich gemacht habe, oder noch schlimmer - was ich nicht gemacht habe, nicht geschafft habe? Es bleiben so viele Dinge, die ich gerne noch machen würde, mitteilen würde... aber wie sagt man so schön... wirklich reich ist, wer mehr Träume hat als die Realität zerstören kann. In meinem Falle die Realität, dass ich bald zurückfliegen werde. Die geliehene Realität von Mãe Luiza und Brasilien werde ich wieder zurückgeben- aber erst am Tag meines Abflugs!

Seit dem letzten Brief ist ein ziemliches Weilchen vergangen, Weihnachten (mein Weihnachtsnachmittag siehe Foto), Silvester, ich war in Bahia, war an unzähligen Stränden, habe mich im Fischen und Tauchen versucht und habe das Leben genossen. Das Praktikum der Hochschule ist beendet und meine "Verurteilung"hat Sabino auch schon unterschrieben. Soweit alles in Ordnung.

Januar bis Mitte Februar ist Ferienzeit, das heisst, alle Einrichtungen des Centro sind in Urlaub, ausser Dr. Ion, der die Praxis offen hat und im Espaço solidário ist auch jeden Tag (und jetzt auch nachts) was los. 6 Personen wohnen nun schon fest dort, unzählige kommen tagsüber, 4 Personen sind fest angestellt, 2 für den Zeitvertreib am Tage, 2 Frauen machen abwechselnd Nachtwache. Einige Anwälte von Natal haben Geld gespendet, mit dem Sabino jetzt auf der Suche nach einem VW-Bus ist, um das Transportproblem zu lösen. Wieder ein Schritt nach vorne, dann muss man nur noch jemanden finden, der den Bus auch fahren kann. Es wurde im Garten auch eine schöne Vogelvoliere errichtet, die von Tauben und Wellensittichen bewohnt wird. Und beim nächsten Jahreswechsel sollen die Vögel freigelassen werden...falls die Bewohner es denn dann übers Herz bringen. Also ich möchte es hier noch mal wiederholen, was für ein schöner Ort da entstanden ist und immer noch weiter entsteht, Menschen, die teilweise wie Tiere (so hat eine Frau ihr früheres Leben beschrieben) gelebt haben, leben jetzt in Würde ihren letzten Lebensabschnitt.

Ansonsten läuft das Leben auf das nächste Fest hin, was der berühmte brasilianische Karnaval sein wird. In Mãe Luiza gibt es 2 Sambaschulen, die eine heisst Akademiker des Hügels, die anderen sind der Stamm der Indianer (darf nur teilnehmen wer indianische Vorfahren hat). Die Akademiker sind die grösste Schule Natals (mit über 300 Mitwirkenden) die Indios die beste. 12 Sambaschulen aus Natal werden sich auf der Strasse einer Jury präsentieren. Ich hab mehr Kontakt zu den Akademikern ,denn eine Freundin ist dort eine der Tänzerinnen. Es gibt verschiedene Ränge, die Königin der Band, die gewählte Königin, die Prinzessin... alles hat eine genaue Ordnung (die mir aber zu kompliziert ist). Und die, die nicht auf dem Wagen tanzen, präsentieren sich in Gruppen auf der Strasse. Es gibt eine Gruppe der Touristen (alle als Touristen verkleidet), eine der Indianer, eine der Bahianerinnen mit den grossen weiten Röcken.....eben über 300 Mitwirkende- und ich werde dieses Jahr die Ehre haben, auch dabei zu sein. Den ganzen Januar wird geprobt und an den Kostümen geschneidert.
Als ich in die Näherei eingetreten bin, hab ich wirklich die Phantasie gespürt, überall Glitzer, Federn...alle Phantasien (so nennt man die Kostüme) sind handgeschneidert, jede Glitzerperle einzeln angenäht. Und wie man das so kennt, bestehen die Phantasien aus relativ wenig Stoff...es ist eine zur Schau- Stellung des Körpers, vor dem Karnaval wird Diät gemacht und der Tag vorher wird am Strand verbracht um sich nochmal aufzubräunen.
Einmal bin ich mit der Schule zu einer Aufführung in ein 5-Sterne Hotel gefahren, das war so der traurige Aspekt, wenn die Kultur verkauft wird. Schon im Bus dorthin hat der Verantwortliche die Mädels darauf hingewiesen, dass sie glitzern und strahlen müssen, weil er sie ans Hotel verkauft hat. Und während also die Mädels bei brütender Hitze 20 Minuten ohne Pause getanzt haben, lagen die Touristen im Liegestuhl oder sind im Swimmigpool rythmisch mitgehüpft und haben fleissig gefilmt und fotografiert. Aber dafür haben wir dann ein Mittagessen vom Hotel bekommen und für alle war das ganz normal -für mich nicht.
Aber trotzdem finde ich den Karnaval wunderschön, den Samba, den Rythmus der Trommeln, jede Schule schreibt auch eigene Lieder, die sind oft richtig politisch und religiös.

Endlich habe ich auch die Zeit gefunden Zug zu fahren, es gibt von Natal aus 2 Linien, eine 30 min. die andere über eine Stunde. Beide kosten genau 45 centavos (27 cents;-))) und wir haben uns einfach reingesetzt und sind an der Endstation sitzengeblieben und wieder zurück. Das war schön, einfach nur schön an den Palmenmeeren vorbeizutuckern, der Zug pfeift, die Kinder, die an der Bahnstrecke wohnen, winken (oder schmeissen Steine), der Dreck wirbelt auf und es herrscht Betrieb. Alle möglichen Waren werden transportiert, die Verkäufer des picolé (Eis am Stiel) drängen sich am Bahnsteig, es war unvergesslich.

Unvergesslich war auch das erste Gewitter, das ich hier erlebt habe. Im Moment regenet es nämlich soviel, wie seit Ewigkeiten nicht mehr im Januar. Eigentlich ist Januar DER Sommermonat schlechthin, dieses Jahr hat es ihn ziemlich verregnet und ein Blitz hat in Natal in einen Baum eingeschlagen, der auf ein Haus gefallen ist und ein paar Menschen getötet hat. Der Donner war wirklich ohrenbetäubend, alle Viecher rundherum haben geschrien, ganz abgesehen von den Kindern. Blitzableiter gibt es übrigens immer am höchsten Punkt einer Stadt, da werden dann so hohe Türme errichtet. In Mãe Luiza als Hügel gibt es einige und auch auf dem Leuchtturm ist einer angebracht.

Eine nette Geschichte gab es mal wieder mit der Polizei...letztes Wochenende gab es nach einem Fest mal wieder Streit und die Polizei griff ein. Im Gefecht hat ein Polizist eine seiner Waffen verloren und irgendeiner hat sie geklaut. Nun, dieser irgendeiner war einer meiner Nachbarn. Um halb drei sowas wurde ich von den Schüssen geweckt und einer wurde eben genau neben meiner Hängematte abgegeben (so hat es sich jedenfalls angehört) und ich habe die Jungs gehört, wie sie ins Haus liefen und ausserdem in der Waffe diesen Zylinder gedreht haben. Dann sind sie wieder weggelaufen und in der Früh konnte ich dann das Wehklagen der Mutter anhören, die sich Sorgen macht, weil die Jungs noch nicht heimgekommen sind. Am nächsten Abend kam die Polizei abermals und hat die ganze Strasse belagert...jeder Polizist mit 2 Waffen in der Hand, einige mit Gewehren...also meiner Ansicht nach total übertrieben, und die Strasse voller Kinder, Frauen...die Gaffer sind hier nämlich enorm. Irgendwo gibt es Streit, so schnell kann ich gar nicht gucken, wie alle Welt den Kampfhähnen hinterherläuft, da ist dann endlich mal was los. Ich glaube, die Gewalt wird nie aufhören, weil viele Bewohner sie erwarten und brauchen. Und sie wird nie aufhören, weil die Polizei (zumindest die Militärpolizei, die hier agiert) schlimmer ist als die Gangster: Drogen und Waffen nehmen sie den Dealern ab und verkaufen sie dann an andere. Und es gibt Polizisten, die das Wissen, die Waffen und die Macht benützen, um selbst ihre Banden professionell aufzuziehen. Und der Drogenmissbrauch wird auch immer, immer schlimmer. Alle decken die Dealer, es sind kleine Fische, niemand sagt etwas, der Verkauf findet offen auf der Strasse statt. Es gibt auch welche, die wirklich von den Drogen loskommen wollen, aber selbst wenn sie die Therapie (in einer Einrichtung) gut abschliessen, so kommen sie doch wieder ins alte Milieu zurück und die alten Freunde klopfen an die Tür und bedrohen die Aussteiger sogar. Das ist eine Thema, das mich wirklich beschäftigt.

Aber nicht nur das sorgt für schlaflose Nächte, sondern auch die Pilgerfahrten im Moment. Ende Januar/ Anfang Februar geht fast ganz Mãe Luiza auf Pilgerfahrt nach Juazeiro, das ist ein kleines Städtchen, wenn ich mich nicht irre in der Nähe von Fortaleza. Dort lebte ein Padre namens Padre Cicero, er hat einige Wunder vollbracht, Ereignisse vorhergesagt... In Juazeiro wurde also ein Pilgerzentrum errichtet, z.B. gibt es ein Steintor, durch das jeder Pilger durchgehen muss. Nun soll es also passieren, dass ein Pilger im Steintor stecken bleibt, was bedeutet, dass er viele Sünden hat (das ist ganz unabhängig vom Körperumfang). Es muss dann ein Padre geholt werden und der vergibt die Sünden und der Gefangene kommt frei. Es gibt einige solche Geschichten, viele Volksheilige... Nun jedenfalls fahren Ominbusladungen dorthin und sowohl bei der Abfahrt wie auch bei der Ankunft hier in Mãe Luiza werden Böller geschossen... laute Böller, das kann also um 1 in der Nacht sein, um 2 oder um 5... diverse Nachbarn haben mir auch allerlei Mitbringsel mitgebracht, z.B. einen kleinen hl. Antonius, den ich kopfüber an meinem Bett aufhängen muss, damit ich einen Ehemann finde, oder diese kleinen Bändchen (wie die von Bomfim in Salvador) wo man sich was wünschen kann.

Womit wir also bei den Wünschen gelandet sind... ich wünsche mir in Bezug auf Mãe Luiza natúrlich viele, viele Dinge, so wie die Menschen, deren Zuhause dieses Viertel ist. Ich wünsche mir, dass immer mehr Menschen hier zu einem würdigeren Leben finden und dass es Menschen gibt, die ihnen dabei die Hand reichen. Mãe Luiza ist ein sehr guter Ort zum leben, in einer wunderbaren Landschaft eingebettet und von einer Anzahl wunderbarer Menschen bewohnt. Aber eben nicht nur - Mãe Luiza hat auch seine Probleme, die es lösen muss. Und Mãe Luiza ist auch viel mehr als das Centro Socio Pastoral, Mãe Luiza ist mehr als die Arbeit von Sabino, Mãe Luiza hat mehr Probleme als die Arbeit das Centro angehen kann.. Aber das Centro ist ein grosser Teil Mãe Luizas und ich denke, dass die Ziele, die das Centro hat, der Traum eines besseren Zusammenlebens auch auf andere Gruppen überspringen kann und Träume anderer Gruppen auch aufs Centro überspringen, damit möglichst viele Bürger sich engagieren. Ich wünsche mit auch, dass irgendwann Mãe Luiza unabhängig wird von ausländischem Kapital, dass der Staat, die Stadt die Rolle übernehmen, die ihnen vom Gesetz her gegeben ist, und trotzdem noch eine Freundschaft zwischen unseren Kontinenten herrscht. Damit will ich überhaupt nicht krtitisieren, dass Geld gespendet und hier wunderbar verwendet wird, erfolgreich verwendet wird, aber das Ziel doch auch sein, in die Unahängigkeit zu helfen.
Diese Gedanken sind in vielen Gesprächen gewachsen, denn wo man in Brasilien hinkommt, gibt es ausländische Hilfsorganisationen. Und da hab ich mit einer Jugendlichen geredet, die bei einer Theatergruppe in Natal dabei ist, die von Deutschland unterstützt wird und sie wollte paar deutsche Sätze, weil sie einen Dankesbrief schreiben "musste". Und sie hat gesagt: "siehst du, ich schreibe Briefe, an Menschen, die ich nicht kenne, die mich nicht kennen und die mir nie Beifall klatschen werden. Wann werden wir auf eigenen Beinen stehen können, ohne wegen Geld in irgendeiner Schuld zu stehen?"

Gut, ich glaube, die Partnerschaft mit Mãe Luiza ist anders aufgebaut, wir geben uns viel Mühe, aber ich würde mir so sehr wünschen, dass mehr fleischlicher Austausch besteht, dass auch Menschen von hier Möglichkeiten hätten in Europa Erfahrungen zu machen. Ich hoffe, dass die Briefe, die geschrieben wurden nicht Worte bleiben, sondern ihnen Leben verliehen wird.

Ich kann euch keine Gerüche, keine Geräusche, kein Herzklopfen, keinen Schweisstropfen und keine Träne schicken, aber vielleicht wurde das eine oder andere Wort zu einem Herzklopfen oder einer Träne. Wenn ich in die Gesichter hier blicke, so machen sie Gleichgültigkeit unmöglich und in jedem Lächeln auf der Strasse sehe ich, dass es gut ist, hier zu sein - dass es sich gelohnt hat, für mich war es unheimlich bereichernd.

Dies soll also der letzte Brief sein, denn jetzt hab ich noch die Nerven zu schreiben, die letzten Wochen will ich mich jetzt dann etwas frei machen und die letzten Abenteuer begehen.

Also zum Schluss noch ein Dank an alle, die es mir ermöglicht haben und ein Extra-beijo an Babby, die die Site und die Briefe organisiert hat.
Danke auch für euer Interesse, falls noch Fragen zu stellen sind, so stellt sie jetzt oder später!! Ich hab das Gefühl, dass ich tausend wichtige Dinge noch nicht erzählt habe, jetzt vergessen habe, aber man muss Dinge auch mal so stehen lassen, wie sie sind (jaja ich studiere Soz.Päd.)

Viele Grüsse aus dem Land der Badeschlappen, der Stereoanlagen, des Fussballs, des Karnavals, des liegenden Mondes, der Kinder, der Früchte, der Gegensätze, der Heimat von Diego, von Rosi, von Gugu, von Jorge, von Jocileine, von Junior, Lea, Silvania, Maria, Heriberto, Tereza, Heron und João.... von meinen und euren Freunden.

Bis bald "I've got sunshine in my bag"

Eure moni

 

P.S. Brasilien ist übrigens auch das Land der T-Shirts. Zum einen ist Baumwolle sehr billig, aber auch das Besticken und Bedrucken ist sehr günstig und jede Institution, Vereinigung, Schule...hat ihre eigenen T-Shirts. Vor allem politische oder religiöse Botschaften, Bekenntnisse findet man oft auf T-Shirts. So habe ich folgenden Spruch auf einem T-Shirt gefunden, den ich euch noch mitschicken will. "Wenn Gott uns erschaffen hat, damit damit wir die Menschen lieben und die Objekte geschaffen hat, damit wir sie benutzen, warum lieben wir dann die Objekte und benutzen die Menschen?"

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