Von: monika [mailto:faentchen@gmx.de]
Gesendet: Montag, 9. April 2001 02:04
An: barbara aigner
Betreff: Newsletter III


Mãe Luiza, anfang April:

Hallo lieber Leser, liebe Leserin!

Mittlerweile hab ich mitbekommen, dass die Leserschaar schon sehr gross ist... Aber wenn ich schreibe, so ist das eher fuer mich, um nochmal alles vors geistige auge zu holen, denn wenn ich wuesste, wer alles diese breife liest, so wuerde ich vielleicht einige sachen nicht erzaehlen, will ich aber gar nicht, weil ich es hier eben als realitaet erfahre und es eben meine Erfahrungen sind, die ich mache. Also lasst mich einfach erzaehlen und wenn ich echo bekomme freu ich mich wahnsinnig...

Der winter hat begonnen, das heisst viel mehr regen... und es ist teilweise echt ungemuetlich zur zeit. Unser dach hat sich durch den heftigen regen an einigen stellen verschoben (die ziegel liegen nur lose auf) und so gleicht das haus an einigen stellen einem schwimmbad... wenn es die nacht durchregnet, steht eine von uns in der nacht auf, um die kuebel zu leeren. Aber das war bis jetzt erst 2 mal und es soll beser werden mit dem wetter. Insgesamt wird ein schlechter winter vorhergesagt, also mit wenig regen. Jedenfalls hab ich heute das erste mal eine lange hose an... es duerfte so 23 Grad haben.


Moni am Brunnen im Garten...

Ich wurde gebeten ein bisschen was uebers essen zu erzaehlen... Nun, fuer die Barsilianer ist das essen etwas sehr wichtiges, essen, feiern, trinken...gehoert alles zusammen. Das alltaegliche essen fuer mich besteht aus Obst, also abacaxi (ananas), mamão (papaya), melancia und melão (wassermeloine und honigmelone), bananas, manga und pitomba (kleine fruechte mit kern, schmecken so aehnlich wie diese fitschi- glitschi dinger) und vieles anderes, was einem vorgesetzt wird und dessen namen ich nicht scheiben kann, was keine rolle spielt, weil es das in deutschland nicht zu kaufen gibt.
Dann natuerlich Reis, Mais, (es gibt viele maisprodukte hier, suesse breie, Maiskuchen, Maismais... ich liebe das sehr) Cuscuz (auch aus Maismehl,) Polenta, ... Dann tapioka (auch mit Mais, sind so ne art Taschen, weiss und sehr lecker), feijão (Bohneneintopf mit kleinen schwarzen oder gruenen Bohnen), farofa (Maniokmehl), oder Maniok frittiert... Churrasco (Fleisch vom spiess), und carne (Fleisch vom Rind oder Huhn...) Und wenn feijoada ist, also meist am wochenende, dann gibt es bohneneintopf mit reis und Maniok und fleisch und bier und Tanz (Forro).

Vorletztes Wochenende war hier feijoada und wir haben Forro gelernt bekommen, der ist hier noch wichtiger als samba, es geht eigentlich einfach, 2 schritte nach rechts, 2 nach links, aber das ganze ist sehr ang getanzt und sehr schnell, man schwitzt und alles trieft... das ist forró.

Zurueck zum essen, dieses wochenende haben unsere nachbarn ein fest gegeben (weil am anfang des monats geld da ist) und da hab ich das erste mal in meinem Leben caranguejo (Krebs) gegessen... der kopf soll das feinste sein... naja, so ganz das meine war es nicht. Und so als nachspeisen oder auch als hauptspeisen verzehren die brailianer unmengen an biscoits also keksen in allen moeglichen geschmacksrichtungen... so knabbereien und nachspeisen sind entweder sehr sehr suess oder sehr sehr salzig, es gibt kein Zwischending (hab ich noch nicht entdeckt) Als eis ist das billigste dindin, es ist fruchtsaft oder sonst eine masse in tuetchen gefuellt, ab ins kuehlfach, pronto, so was wie wassereis bei uns. Es heisst in allen teilen das landes anderes, hier dindin oder peito velho (alte Brust).
Und ich wurde hier zum kokosnussjunkie, haette ich auch nicht gedacht, aber so eine frische kokosnuss ist was feines... wenn ich mit rosimerie (sie arbeitet hier im centro) manchmal in der frueh zum walken gehe (5 oder 6 Uhr in der frueh) dann klauen wir auf dem rueckweg bei einem Hotal eine gruene kokosnuss und trinken die milch, oder besser das Kokoswasser.


Der Blick von Moni´s Haus die Straße hinunter...

Wuerde man die gruene kokosnuss laenger hangen lassen, so wuerde eine braune daraus, so wie man sie in Dtl kennt. In die macht man ein loch, trinkt die milch und zerschlagt sie dann und kann das weisse kokos essen, é gostoso. Und trinken? Also wir trinken halt viel Wasser, einfach Wasser ohne Kohlensaeure, manchmal machen wir auch Saft aus frischen Fruechten, die schlepperei mit den Tetra packs will ich mir nicht antun.
Und im Land das Cafes trinkt man?? – nescafe, also meist fertigmischungen, ich war bis jetzt nur in 2 Haeusern, wo es eine echte Kaffeemaschine gibt. Ich weiss nicht warum, vielleicht ist der gemahlene Café teurer oder es ist zu viel arbeit... jedenfalls trinkt man (ich nicht) sehr stark, schwarz und mit viel zucker, heisst dann cafezinho Und es gibt noch vielmehr... was ich noch nicht entdeckt oder gekostet habe.

Und zur arbeit

Einen tag in der woche bin ich jetzt auch im kindergarten und mach sowas wie Einzelbetreuung fuer schwierige kinder. In einer klasse dort sind bis zu 40 kinder mit 2 Erzieherinnen. Es ist brutal laut, und weiss nicht wie... ich zuecke den Hut vor den Frauen, die das jeden Tag machen und mit sehr viel Freude machen.
Einer der Knaben ist Bruce Lee. Er heisst so, weil sein Vater ein Kampfsportfanatiker ist (aber im Moment sitzt er im Gefaengnis). Ich vermute, dass Bruce Autist ist, zumindest hat er autistische Zuege... haelt sich die Ohren zu, die Tueren muessen immer geschlossen sein. Er will nichts mit den anderen Kinden machen und im Raum schmeisst er nur die Stuehle und sonstiges um... aber mit einem Laecheln auf dem Gesicht... Er kann nicht sprechen, hoeren glaub ich schon, weil er musik gerne hoert und dazu summt. Einen nachmittag hat er mal in der maedchendusche am boden verbracht und sich staendig um sich selbst gedreht und sich praechtg amuesiert, wie alle andern auch... ich wollte dann mit ihm malen, aber er hat sich die farbe nur an die wimpern gemalt, wohl weil er seiner mutter (die drogenabhaengig ist) immer beim schminken zusieht. Also hat er sich auch den kleber wie gel in die haare geschmiert, ich hab viel spass mit ihm, und er ist ein echter sonnenschein, bloss eben schwierig. Es wurde jetzt erreicht, dass er einmal in der woche zu einem psychologen geht, mal sehen, was das bringt, er braucht auf jeden fall unterstuetzung.

Mit dem atelier haben wir auch schon begonnen, immer freitags sind wir im casa crescer, dort sind die aelteren kinder. Es ist sehr schwierig und anstrengend, denn der raum ist relativ gross und so springen die jungs immer im raum herum und machen capoeira (erklaerung folgt). Ausserdem schlagen sie sich, nehmen sich farbe weg... naja, kinder eben - wir werden schon noch eine art de umgangs finden, hoffe ich zumindest... es sind halt klassen, die aus den schwierigsten kindern bestehen, die am meisten aufmerksamkeit braeuchten und sie auch einfordern. Viele von ihnen koennen nur ihren namen schreiben, schlecht einen stift halten, wissen nicht wie man etwas malen soll... usw ... powerpainting oder bodypainting waere wohl das richtige fuer sie.
Letztes mal haben wir Masken mit ihenen gemacht, so wie man bei uns gipsmasken macht, bloss mit streifen von Zeitungen und kleber aufgeloest in Wasser... war auch eine sauerei, hat ihnen aber spass gemacht. Ich haette nicht gedacht, dass das so gut geht mit dem kleber, war aber kein problem.

Bei den Besuchen lernt man immer wieder neue familien kennen, im studium haben wir sie multiproblemfamilien genannt... ich weiss gar nicht, wo bei den familien hier die probleme anfangen, wo sie aufhoeren. Ich glaub sie beginnen mit der geburt und enden mit dem Tod... naja eben so wie in deutschland auch, aber die Probleme hier sind so offensichtlich... so existentiell. Und trotzdem sind die meisten leute so froehlich und froh brasilianer zu sein, brasilien, fussball und musik ist alles fuer sie, obwohl sie ganz genau wissen, dass der staat nichts fuer sie tut, sie sind zu sehr daran gewoeht so zu leben. Das geht oft in meinem kopf herum, wieso so wenig leute ueberhaupt an der situation etwas aendern wollen, ich denke, ich muss hier noch viel lernen...
So gibt es zum beispiel eine familie, da ist ein sohn jetzt vormittags bei den unterernaehrten. Die familie lebt in groessem hunger, aber in Umstaenden, wo ich nur den Mund offen halten konnte. Der Vater hat 6 Kinder mit der Frau, hat aber auch eine Geliebte, die 2 Kinder von ihm hat und mit diesen 8 Kindern und 2 Frauen lebt er unter einem Dach. Und die Frau und die Geliebte leben in staendigem Zank etc... man muss sich mal vorstellen, dass man in dem haus alles hoert, alles und die frau liebt den mann noch immer. Jatzt versuchen die Familienbesucherinnen, die 2 Frauen gegen den Mann zu vereinigen, aber es ist schwer, denn der mann bringt doch das geld nach hause / meistens aber eher nicht.

Der Deutschunterricht hat jetzt auch angefangen, es ist eine ganz schoen schwere sprache und ich komme oft in erklaerungsnot, mit so feinheiten wie artikel, reflexivpronomen und was es nicht alles gibt, schon allein das foermliche Sie... ich bin froh, dass ich deutsch schon kann :-). Dafuer sind sie in der Aussprache echt gut, ist ja auch nicht so schwer... von einer wurde ich gefragt, ob michael schuhmacher schuster ist... ich hab erstmal gestutzt und nicht gewusst, ob er es ist... ich hab sie dann gefragt, wo sie das gehoert hat – ja ihr sohn hat das irgendwo aufgeschnappt. Ich hab dann gesagt, dass ich glaube, dass er Koch ist oder Baecker, aber dann ist mir eingefallen, dass schuhmacher ja ein begriff fuer schuster ist und ihr das erklaert... wir mussten ziemlich lachen.

Ueber capoeira

Also capoeira ist eine art rythmische kampfsportart, sie kam nach brasilien mit den sklaven, vor allem in Bahia, also salvador, dort ist auch heute noch die hochburg. Den Slaven damals wurde es verboten, Kampfsport zu ueben, also sind sie in den Urwald (dessen unterste oder zweite Vegetationsstufe heisst capoiera) und haben dort versteckt trainiert, um sich im Ernstfall verteidigen zu koennen. Beim heutigen Capoeira kaempfen immer 2 gegeneinander in einem Kreis, die anderen stehen rundherum und machen den rhythmus mit einer berimba (instrument mit einer seite), trommeln, den haenden und sie singen alte lieder dazu. die 2 kaempfer beruehren sich dabei nicht, sie verfehlen sich immer knapp und tanzen so umeinander herum und springen sich an... es ist eine mischung aus karate, akrobatik... und alles auf dem harten steinboden. Es ist sehr schwierig zu lernen und wenn jemand es wirklich kann, so sieht es super aus, ist wahnsinnig anmutig und geschmeidig. Im casa crescer wird capoeira unterrichtet, es gefaellt den kindern sehr, sich zu bewegen und dort entwickeln sie wirklich grossen ehrgeiz. Es wird profesionell betrieben, es gibt verschiedene capoeiraschulen und festivals... jetzt mitte april ist ein grosses festival in natal, wo ich auf jeden fall hin will.

Und sonst Letztes wochenende waren wir mit einer freundin einer Arbeitskollegin unterwegs... sie gehoert eher zur upperclass und will uns halt so zeigen, dass es ausser mãe luiza noch ein anderes brasilien gibt, und das gibt es wirklich, es war komisch. Zuerst sind wir auf einen geburtstag von irgendeinert frau, keine ahnung, eine fotografin. Es war in einem riesigen appartementhaus in der stadt. Diese appartmenthaeuser sind bewacht, haben eine riesen mauer drumherum und sind vom feinsten.


Moni in ihrer Hängematte im Schlafzimmer

Also geminschaftspool, parkplaetze, aufzug und eben auch ein raum zum feiern. Klimatisiert (mich frierts da immer wahnsinnig, ich mag die luft nicht) und es gab viel kuchen und und und... und dann, als ich in diesem haus war, fing ich an, den reichtum zu verteufeln, mich nicht wohl zu fuehlen unter diesen leuten, ich weiss nicht warum, es ist eigentlich verkehrt, denn es sind die besseren lebensbedingungen und es ist nicht schlecht, dass die reichen so leben, bloss sollten eben alle so leben koennen... aber ich merk echt, dass ich es schwierig finde mit dem gegensatz hier, dass ich es schlecht akzeptieren kann.

Also die leute dort waren alle nett, sie finden auch toll, dass wir in Mãe Luiza arbeiten und wir haben eine Journalistin getroffen, die uns diese Woche andere Viertel aehnlich wie mãe luiza zeigen will, weil es rund um die stadt einige viertel gibt, in denen sich niemalnd um die leute kuemmert... Ich find das gut und will es auch sehen, einfach um den unterschied zu sehen, den die arbeit von sabino und die gemeinschaft in mãe Luiza ausmacht.
Und am drauffolgenden tag nach dem geburtstag waren wir zwei tage in einem club fuer hoehere beamte, wo es einen pool gab, Tennis, Basketball und so appartments zu mieten. Wir waren mit irgendwelchen Freunden dieser Frau dort. Es war schoen, es war ruhig, es war sauber, aber es war auch merkwurdig und wenn man dann ins haus zurueckkommt und die nachbarn sitzten vor der tuer und wissen, dass wir weg waren... dann hab ich schon fast ein schechtes gewissen... vielleicht muss man aufpassen, dass man sich nicht zu sehr mit den leuten identifiziert, ich weiss es nicht, aber man faengt einfach an, komische gefuehle gegenueber dem reichtum zu entwickeln, der sich so abschottet gegen alles andere. Ich will auch gar nicht, dass alle ihre Haeuser verkaufen und in kleine huetten ziehen oder dass in deutschland wieder zustaende wie nach dem krieg herrschen...
ich finde es toll, dass es in deutschland alles gibt, dass man gut leben kann. Ich werde mich freuen auf ein sauberes bad, eine schoene Wohnung, all das. Es ist halt schwer das hier zu sehen und man gewoehnt sich so bisschen an den dreck (keine angst, noch hab ich keine laeuse)

Aber das wird uns wohl noch oefter in den Briefen beschaeftigen.

Und noch was lustiges zum schluss: Jetzt hat ja der winter begonnen und gestern haben unsere Nachbarn mal wieder eine ihrer englischen kassetten gehoert... und dann lief auch “and so this is christmas” ich wurde richtig sentimental (ein paar werden wissen warum), denn ich mag dieses lied. Ich schaetze mal, entweder lief die kassette ohne dass jemand zugehoert hat, oder sie wissen nicht, dass christmas das englishe wort fuer weihnachten ist. Wer weiss, ich verbleibe mit vielen Raetseln.

Alles liebe moni

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