Von: monika [mailto:monika@natal.digi.com.br]
Gesendet: Freitag, 10. August 2001 14:57
An: barbara aigner
Betreff: Newsletter # 9


August 2001

"Was bringt eine junge Studentin mit 22 Jahren, wohnhaft in der ersten Welt, mit guten Lebensbedingungen und einer strahlenden Zukunft vor Augen, dazu ihre Familie und alles zu verlassen, um in einer der ärmsten Regionen eines unterentwickelten Landes zu leben und bedürftigen Menschen zu helfen?"
Dies ist ein Auszug aus einem Zeitungsartikel, der nach einem Interview vor 2 Wochen entstanden ist und letzte Woche auf der Titelseite erschienen ist hier in einer natalensischen Tageszeitung. Ich muss sagen, ich hab mich ziemlich über diesen Artikel geärgert, denn was wir (Vinc und ich) gesagt haben, wurde verändert zu Aussagen, die wir nie gemacht haben. Der ganze Artikel drückt auf die Tränendrüse der Leser und stellt uns Ausländer als Helden der Arbeit hier in Mãe Luiza da. Kein Wort über die anderen 50 Mitarbeiter des Centro, kein Wort darüber, was wir wirklich tun und wo die Ziele der Arbeit liegen. Sondern immer nur die Betonung auf unserem Ursprungsland und der Armut hier. Vor einiger Zeit waren wir in der anderen grossen Tageszeitung (Tribuna), den Artikel hab ich übersetzt und er wird auf die Homepage kommen, weil er wirklich etwas über die Arbeit aussagt.

Die Folgen des letzten Artikels jedenfalls waren, dass am Dienstag drauf das Fernsehen zu den Unterernährten reingestürmt ist und mich interviewen wollte. Die meisten Kinder waren schon weg, wir mussten sie zurückrufen, damit die Leute filmen können und die Fragen waren dann auch bloss, warum ich Deutschland verlassen habe, ein Land in der ersten Welt....ich hatte wirklich Probleme der Journalistin klarzumachen, dass ich hier ein Praktikum mache und von der existierenden Arbeit lernen will, die ich für sehr gut halte. Ich frage mich wirklich, warum sie soviel Wert auf das Land in der ersten Welt legen, denn für die Mitarbeiter, die in der Stadt, also im Zentrum von Natal leben, ist der Schritt, der Unterschied ungefähr der gleiche. Sie leben auch in ihrem Haus/Appartment, haben normale Hygienestandards, alles was sie zum Leben brauchen. Brasilien ist zugleich erste und dritte Welt, der Unterschied zwischen den Armenvierteln und den Innenstädten ist eben enorm und das ist das Erschreckende. Denn natürlich gab es schon immer Arme,- damals, früher, vor 100 Jahren auf der ganzen Welt. Bloss jetzt gibt es Arme und Reiche, sie leben nebeneinander und ich habe das Gefühl, dass die wenigsten das wirklich ändern wollen.
Im Fernsehen gibt es z.B. ganz krasse Fernsehshows, da können die Bedürftigen hinschreiben und wenn der Fall dem Sender tragisch und traurig genug erscheint, dann kommt er in die Show. Man überrascht die Familie zu Hause, schenkt ihnen einen Tag im Freizeitpark, geht Einkaufen für alle und lässt die Tränen laufen. Am Ende kommen dann die Sponsoren mit Geschenken wie Fahrräder, Computer, Fernseher, Stereoanlage, Badezimmer, Kühlschrank, was man eben alles schenken kann. Schade, dass die Medien ihre Kraft nicht nutzen, um wirkliche Hilfe zu starten... Es gibt noch andere Sachen, die mich nachdenklich stimmen: In öffentlichen Krankenhäusern werden viele Behandlungen nicht durchgeführt, einige Operationen etc... und für manche Examen sollte man am besten schon Monate vorher wissen, dass man an einer Krankhiet erkranken wird, denn man muss sich schon Monate im Vorraus an Ausgabestellen um Zettel bemühen, die eine Untersuchung garantieren.
Ein Beispiel: Der Sohn einer Bekannten hier leidet gerade stark an Schwindelgefühl und fällt manchmal in Ohnmacht. Der Arzt weiss nicht was es ist und empfiehlt eine besondere Untersuchung des Gehirns. Im Privatkrankenhaus kostet diese Untersuchung ein Vermögen, von den öffentlichen Krankenhäusern gibt es nur 2 die diese Untersuchung durchführen. Das eine Krankenhaus macht die Untersuchung jetzt im August. Um die Untersuchung machen zu können, muss man sich an einem bestimmten Tag am Krankenhaus anstellen und schaun, dass man so eine Art Gutschein für diese Untersuchung bekommt. Dabei gilt das Prinzip wer zuerst kommt,.... Also hat sie sich in der früh um 5 dort angestellt, um um 12 mittags noch einen Schein zu bekommen..- und hat es nicht geschafft. Im September wird die Untersuchung in einem anderen Krankenhaus sein, die Scheinausgabe wird schon nächste Woche sein, wenn sie es dann wieder nicht schafft?!?
Und dann gibt es jetzt Werbung in Radio und Fernsehen für eine Privatklinik, die 2 Wochen umsonst Brandverletzungen der bedürftigen Bevölkerung behandelt. "ruf jetzt an, damit auch du zu den Gewinnern gehörst!" ist der Text der Werbung . Auf der einen Seite find ich es ja toll für die Personen, die eine Behandlung erreichen, bloss nervt auf der anderen Seite diese Gutmütigkeit dieser Klinik, die sich damit zum grossen Wohltäter macht. Was das Gesundheitswesen braucht sind nicht einzelne Aktionen, sondern bezahlbare Versicherungen und Behandlungen, damit die Menschen nicht abhängig sind von solchen Aktionen.
Ich werfe eigentlich nicht gerne mit Zahlen bzw. Statistiken um mich, aber manchmal können sie doch hilfreich sein, um Situationen klarzumachen. In einer Zeitung hab ich folgende Zahlen gefunden, die meine Aufmerksamkeit geweckt haben. Im Jahr 1998/99 ist die Rate der Menschen, die in Brasilien unter der Armutsgrenze leben von 5,1 auf 9 % gestiegen, d.h., dass fast jede 10. Person in Brasilien mit weniger als 1 Dollar pro Tag auskommen muss, um zu überleben. Mehr als 22% der Bevölkerung leben mit weniger als 2 $ pro Tag. Noch eine andere Reaktion auf Zeitungsartikel und Fernsehinterview. Eine Frau hat hier angerufen, sie hätte den Zeitungsartikel gelesen und sie hat mich gefragt, ob ich Deutschstunden gebe. Ich hab gesagt, dass ich hier 2 mal die Woche Stunden gebe, die für alle offen sind. Was sie aber will sind Privatstunden für ihre 4-jährige Tochter. Já, 4 Jahre alt ist die Kleine und hat einen deutschen Vater. Diese Vater redet zwar Deutsch mit dem Mädchen, allerdings will sie wohl nicht so recht reden und da hat die Frau an mich gedacht. Ich persönlich denke já, dass das Mädchen einfach noch zu jung ist und eigentlich ein Vater, der deutsch spricht schon das Beste für sie ist. Das hab ich ihr auch gesagt, aber ich hab ihr vorgeschlagen, dass ich mich mal mit dem Mädchen treffen kann. Und dann werde ich sie fragen, ob sie überhaupt Deutschunterricht haben will.
Eine andere Frau war hier und will ebenfalls Privatstunden mit mir, weil sie einen Freund in München hat. Ich hab sie gefragt, warum sie nicht zu den Stunden kommen will, sie hat gesagt, sie kann nicht, weil es zu gefährlich ist am Abend nach Mãe Luiza zu kommen. Der Hammer jedoch war, dass sie mit einer anderen Frau da war, die Deutsche ist, jedoch keine Lust hat es zu unterrichten. Und deren Mann, der seit 1985 hier wohnt, spricht kein Wort Portugiesisch, weil er sich weigert zu lernen. So eine Verbohrtheit! Jedenfalls hat diese Frau sicher genug Geld um in der Stadt Stunden zu nehmen, das ist dann wohl auch sicherer für sie.

Mãe Luiza

Was läuft im Moment in Mãe Luiza? Diese Woche findet ein Seminar mit dem Thema Entwicklung statt, jeden Abend ist an 5 Punkten hier im Viertel der Raum gegeben an einer Diskussion zu einem Tagesthema teilzunehmen. z.B. "was verstehen wir unter Entwicklung?"; "Infrastruktur in MãeLuiza" ; " Kultur, Kunst und Freizeit" Gestern war ich bei der Diskussion über die Infrastruktur und da wurden dann Probleme von den Bürgern vorgebracht, ein paar davon möchte ich hier nennen. Die fehlende Kanalisation und als Folge davon das Wasser auf den Strassen des Viertels, was ein hygienisches Problem darstellt. (um es gleich klarzustellen: die Abwässer der Toilette landen in Gruben unter den Häusern, doch alles andere an Abwässern rinnt in kleinen Bächen am Strassenrand - und endet dann im Meer.) Desweiteren gibt es kaum Gehsteige, besonders an der Hauptverkehrsstrasse, auf der viele Autos verkehren ist es für Fussgänger sehr gefährlich sich zu bewegen, immerhin leben hier 18.000 Menschen und zu den Stosszeiten (also wenn Schule aus ist und die Eltern die Kinder abholen, etc..) ist auf den Strassen sehr viel Fussgängerverkehr. Eine grosse Wut kam auch auf als die Sprache auf die Schule kam. Im Moment sind die staatlichen Schulen im Streik, das heisst, es findet kein Unterricht statt. Die Schüler werden nach Hause geschickt...doch natürlich gehen die Schüler nicht nach hause, sondern bleiben auf der Strasse, woraus sich auch ein Aufsichtsproblem ergibt, da die Eltern davon dann nichts wissen. Aber auch im regelmässigen (?!)Schulbetrieb fallen Stunden aus und das auch vom Staat abgesegnet. So kann jedes Lehrerkollegium einmal die Woche einen Studientag einlegen, das soll bedeuten, dass die Lehrer sich treffen und sich zusammen weiterbilden- während der normalen Schulzeit, die Kinder werden heimgeschickt. Und ein anderes Programm nennt sich Verstärkungsprogramm, da werden die Schüler, die schon lesen und schreiben können heimgeschickt und die Lehrer arbeiten mit denen, die nicht mitkommen. Bloss dass so die anderen auch nicht weiterkommen. Es fehlt ganz einfach an Lehrern (aber wer will schon für einen oder zwei salario minimo = 180-360 Reais arbeiten.)und an Material (Bücher sind hier unerschwinglich und die Schule hat so gut wie keine). In ganz Brasilien gehen 1,1 Millionen Kinder nicht zur Schule, trotz "Schulpflicht".

Andere Themen beim seminar sind die Müllabfuhr, die einfach manchmal nicht kommt, oder auch die Polizei, von der im Moment nur 30% der Kräfte arbeiten, weil sie im Streik sind. Und natürlich auch das Stromsparprogramm, das jetzt schoin seit 2 Monaten läuft. Die Haushalte, die zuviel Strom verbraucht haben, bekommen jetzt im August für 3 Tage den Strom abgeschaltet, wer Strom gespart hat, bekommt Guthaben bei der Stromgesellschaft. Doch heisst es von Seiten des Präsidentes, dass noch nicht genug gespart wird und die Pläne verschärft werden müssen. Mal sehen.

Espaço Solidario das ist der Name des "Altenheims", das jetzt am 12.8. seiner Bestimmung übergeben wird. Es ist der weitere Versuch die Lebensqualität hier im Viertel zu verbessern. Bei den Besuchen im Viertel ist in den letzten Jahren immer wieder die Situation der alten Menschen ohne Familie ins Auge gefallen. Die meisten Älteren leben mit ihren Familien, doch einige haben keine Familie und leben total einsam und verlassen. Diese Personen, die allein leben und dies nicht mehr länger wollen, gibt es nun die Möglichkeit in den Espaço Solidario umzuziehen, wo es 16 Betten gibt. Aber der wichtigere Aspekt des Hauses ist der Freizeitbereich, denn den ganzen Tag über wird es dort Aktivitäten geben, an denen alle Generationen teilnehmen können. Handarbeiten, Gymnastik, Wanderungen, Massagen, Singen, Tanzen, religiöse Angebote und vieles mehr.

Jetzt am Sonntag sind alle Bewohner von Mãe Luiza und die Stadtprominenz zur Eröffnung eingeladen, es gibt vormittags Workshops wie Schminken, Drachenbasteln, Tanzen, etc...dann gibt es eine Messe, Mittagessen für ca. 400 Personen ( welches wir morgen kochen werden) und am Nachmittag die Präsentation der Workshops. Alle sind schon sehr aufgeregt und ich freu mich auch schon richtig darauf.

Noch ein paar Kuriositäten:

- jeden Tag um Punkt 18.00 Uhr läuft im Radio ein Ave Maria, nie hab ich so richtig gewusst warum, ich hab mit bloss gedacht, dass ich halt in einem katholischen Land bin... Jetzt hab ich endlich mal jemanden gefragt und eine Antwort erhalten. Es ist so eine Art Tradition, dass um 18.00 Uhr die Familienmitglieder sich gegenseitig den Segen geben und manche Radiosender spielen dazu eben ein Ave Maria oder anderes geistliches Lied.

- in den Geschäften kann man alles in Raten kaufen, das geht los mit 2 Raten bei Kleidung, bis zu Autos oder Computern, die man in 24 Raten zahlt. Das Ganze mit oder ohne Zinsen, mit oder ohne Sonderrate am Anfang. Und das ist wirklich typisch brasilianisch, denn mit den Löhnen kann man kaum etwas bar bezahlen, was aber natürlich billiger wäre. Und so wird eine Rate fett gedruckt, aber wie viele Raten steht ganz klein daneben. Und der Clou überhaupt ist, dass nicht dort steht, wieviel es insgesamt ist und die meisten Brasilianer schlecht bis gar nicht rechnen können.

- ein Mädel hier hat eine Brieffreundschaft mit einem Mädchen aus Penzberg. Von dort kam ein Brief und sie hat mich gebeten ihn zu übersetzen, was ich gerne tat. In dem Brief hat das Mädchen ein Fensterbild mitgeschickt, was já echt eine supernette Idee ist. Die andere hat auch ziemlich gestaunt, denn hier gibt es das nicht, dann hab ich vorgelesen, dass das ein Bild ist, das man ans Fenster kleben kann. Und dann kam's mir, dass die meisten Fenster hier gar kein Glas haben und hab ihr gesagt, dass sie es an irgendeine glatte Stelle kleben kann. Eine andere Frage war, ob sie Harry Potter kennt? Die Frage ist já eigentlich total normal, bloss hier kennt kein Kind den kleinen Zauberer, weil ein Harry Potter Buch 30 Mark und mehr kostet. So hab ich bisschen was von Harry erzählt und sie ist glücklich heimgegangen.

Tolle Sache so eine Brieffreundschaft, wer eine vermittelt haben will, kann sich já bei mir melden.

das alles hat mich dazu gebracht die erste Welt zu verlassen et non, je ne regrette rien !

eure Moni

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