Von: monika [mailto:faentchen@gmx.de]
Gesendet: Mittwoch, 13. Juli 2001 17:38
An: barbara aigner
Betreff: Newsletter # 8


Liebe Leserschaft!!

Danksagung
Ich bin ein Jahr älter geworden und danke auf diesem Weg schon mal allen, die mir gedanklich oder schriftlich oder wie auch immer alles Gute gewünscht haben und denen ich noch nicht persönlich gedankt habe. Ebenfalls danke ich allen, die es nicht wussten oder vergessen haben und jezt umso fester an mich denken.

Centro Ich habe gerade die Ehre, an dem Server-computer des neuen Computerraumes zu sitzten und ihn somit einzuweihen. Möglich wurde dies durch das Lateinamerikainstitut in Bonn, das dem Centro 16 Computer mit Internetanschluss finanziert hat. Und ich muss echt sagen, es ist toll in einem Plastikcampingstuhl vor so einer teuren Maschine zu sitzen. Jetzt haben wir zwei Computerräume, die Kurse fûr Office haben schon begonnen jeweils morgens, nachmitags und abends und die Nachfrage ist sehr gross... hier in diesem Raum wird es Kurse fûr Internet und Website erstellen geben, es ist fantastisch... die laufenden Kosten werden (by the way) aus Spendenmitteln erbracht... Auch die MitarbeiterInnen des Centro werden die Computer benutzten können und das Internet als Infoquelle entdecken...
Ende des Monats soll nun endlich das Altenheim eröffnet werden können, dazu folgt dann eine ausfûhliche Vorstellung dieser Einrichtung...

Ansonsten stehen wir voll im Zeichen der Festivitäten, Sabinos 56. Geburtstag wurde nach der Messe mit einigen Darbietungen und Kuchen für die ganze Gemeinde gefeiert, sogar einige Damen und Herren des Deutschkurses hatten den Mut ein deutsches Lied fûr ihn zu singen... worauf Sabino an die presse gleiche einen Überschriftenvorschlag fûr einen Artikel lieferte „o morro fala alamão“ der Hügel spricht deutsch. Hügel ist übrigens die Bezeichnung, die die Leute hier und in der Stadt benutzten, weil Mãe Luiza sich auf einem Dünenhügel erstreckt.

Abschied und Neubeginn
Ausserdem hiess es für uns Abschied nehmen von Stephanie, sie ist schon wieder gut in der Schweiz angekommen und wird im Herbst anfangen Psychologie zu studieren. Jetzt hab ich Vincent ganz für mich allein und bin seine private Portugiesisch-und Religionslehrerin.
Die Messe für Sabino war die erste, die er seit 10 Jahren besucht hat und als wir von der Kirche nach Hause gegangen sind, hat er gesagt: „ich glaube, du musst mir ein bisschen von diesem Jesus erzählen!“ und die lezten Tage hatten wir immer wieder tolle Gespräche über Gott und die Welt, Kommunismus und Kapitalismus, erste und dritte Welt, Revolution usw...
Er stellt sehr viel in Frage und so komme ich auch immer wieder zu neuen Gedanken, neuen Fragen... neuen Hilflosigkeiten z.B. angesichts der Situation unserer Welt, Verteilung des Kapitals... schon tausend Bücher wurden darüber geschrieben. Vinc hat die Meinung, dass es eine Revolution bedarf von Seiten der dritten Welt oder den Armen generell, und zwar mit Waffen... ich bin da total dagegen, weil die erste Welt immer die besseren Waffen haben wird und es angesichts der Technolgie egal ist, ob jetzt in der dritten Welt der grössere Teil der Erdbevölkerung lebt. Ausserdem wird eh schon viel zu viel Geld für die Rüstungsindustrie ausgegeben, das in Infrastruktur und Bildungswesen einen besseren Samen darstellen würde... Das grösste Gut ist für mich der Frieden und sicher sollte die Bevölkerung hier etwas an der Situation ändern, aber wenn ich nie gerlernt habe etwas einzufordern, wie soll ich es dann tun... wenn mir nie jemand zeigt, wie man eine Mütze strickt, werde ich nie eine selbstgestrickte Mütze in den Händen halten. Um es zu können, muss irgendjemand sein Wissen mit mir teilen -
Teilen, das ist auch so ein Zauberwort, es gibt auf dieser Erde einige, die mehr haben, als sie vielleicht brauchen zum Leben... und um ein Gleichgewicht zu erreichen - ansatzweise - gehört für mich auch, dass die, die zuviel haben teilen... doch auch das muss gelernt werden... und das alles muss im Kleinen beginnen, um zu wachsen.

Mãe Luiza kommt mir manchmal vor wie so ein Gewächshaus, wo aus kleinen Samenkörnern tolle Dinge wachsen, von denen man am Anfang vielleicht gar nicht weiss, was daraus wird. Ohne die finanzielle Hilfe aus Deutschland, der Schweiz, Italien und Belgien wäre das hier nicht so möglich, aber es ist nicht nur das Geld, mit dem der Samen gekauft wird, es ist das Vertrauen, das Interesse und die Freundschaft, die auch noch mitkommt und wächst, durch Besuche, Briefe, etc... und ich bin mir sicher, dass ihr da drüben (wie soll ich es anders formulieren?) auch viel an Sprossen, Knospen, Blüten und Früchten zurückbekommt und es ist mehr als eine Beruhigung des Gewissens (solange man sein Geld ehrlich verdient muss man eh kein schlechtes Gewissen haben. ; -)) Ich könnte darüber jezt ewig philosophieren, aber ich will ja noch eine andere tolle Geschichte erzählen:

Das hat jetzt eher was mit der Kultur hier zu tun... und mit der Leichtigkeit des Seins vielleicht.
Also am Wochenende von São Pedro haben sich 8 Busse aus Mãe Luiza auf den Weg ins Interior, nach Caicara, aufgemacht, um dort an einem grossen Fest teilzunehmen. Der Begriff Interior steht für alles, was nicht Grossstadt ist und viele Menschen aus Mãe Luiza stammen aus verschiedenen interiors und so haben sich Feste und Traditionen und Lebensweisen ein bisschen von dort erhalten und auch die Symphatie mit den Leuten im interior. Nun also Vinc, Steph und ich haben mit 3 Kolleginnen an dieser Fahrt teilgenommen. Das ganze hiess pique-nique noitada (Piknik über Nacht...) [*gabriela setzt sich beim Anblick des Wortes Piknik ruckartig auf*- ja gabriela (war hier ein Jahr 99/2000) hat mir nämlich geraten unbedingt so ein Piknik mitzumachen, danke für die Erfahrung, ich werde es nieeeee vergessen]
Das ganze sollte losgehen Samstag abend um 17.00, so stand es auch auf unserem ticket, dort sollten wir um 7 zur Prozession ankommen, danach Festa festa festa, ein Haus wurde angemietet, wo man die Sachen lassen konnte... Hängematte sollten wir mitnehmen, falls wir schlafen wollen. Der Sonntag sollte am Strand verbracht werden und Sonntag abend um 7 sollten wir wieder in Màe Luiza sein.

Also, weil wir wussten, dass die Brasilianer es nicht so mit der Zeit haben, sind wir um 17.20 Uhr zum Treffpunkt gekommen und kein Mensch war dort... da stieg schon kurz die Angst auf, dass der Bus schon gefahren sein könnte, also haben wir jemanden gefragt um der hat gesagt, der Bus kommt ungefähr um 6 und wir können dort warten... also haben wir gewartet, um 6 kamen die ersten Leute (mit Riesengepäck, Essen, Trinken, Grill, Stereoanlage)..., um 5 vor sieben kam der Bus, um halb acht waren wir endlich auf der Strasse. Nun im Bus hat die lustige Heiterkeit schon den Lauf genommen, Montilla (eine Art Rum) mit Cola lief in Strömen, einige hatten Bier mitgenommen...

Im Bus wurde geraucht, die letzten Hits gesungen, mit Eiswürfeln um sich geworfen, grad lustig wars. Endlich um 10 kamen wir dort an, der ganze Bus (50 Personen) hatte sich ein Haus gemietet, das der Orgaisator ausgesucht hat jaha das hat er gut gemacht... Wir betreten das Haus (Haus???) nichts als leere weisse Wände, es waren genau 4 Haken in der Wand für Hängematten (waren, denn die haben die ersten beiden gleich aus der Wand gezogen und für sich reserviert) und insgesamt waren es 2 Räume, ein Flur und ein Bad... naja also das Klo halt... der Spülkasten hing irgendwo 2 Meter neben der Kloschüssel und Wasser gab es eh nicht (im Interior herrscht wirklich Wasserknappheit, es gibt in den wenigstens Häusern laufendes Wasser)
Einmal war ich auf diesem Klo, als ich das nächste mal musste, bin ich schon 3 Meter vor dem Klo freiwillig umgekehrt und hab den Nachbarn 10 Centavos (10 Pfennig) fürs Klogehen bezahlt.wenn man nicht spülen kann, ist es bald voll so ein Klo. Nun, toll war noch, dass ein Ehepaar ihre Stereoanlage mitgenommen hat und dort gleich platziert hat... also sind wir geflüchtet zum Fest... naja, dort sind wir von einer Band zur anderen, bisschen gegessen, getrunken aber die Musik hat mir gar nicht zu gesagt und ehrlich gesagt haben wir uns die Zeit nur vertrödelt ohne Spass zu haben... um 3 wollten wir ins Haus und irgendwie am Boden schlafen, doch es war abgesperrt... um 4 haben wir es nochmal probiert und es war offen. Da nur eine Hängemate besetzt war, haben steph und ich uns in die andere gelegt, vinc hat sich mit dem Boden bengügt. Fast alle Körperteile sind mir in dieser Position eingeschlafen, doch ich konnte keinen Schlaf finden, da kurz nach unserer Ankunft auch andere gekommen sind und die Stereoanlage wieder laufen liessen... immer die gleiche Cd mit immer den gleichen Liedern...

Um 7 in der Früh haben wir 3 beschlossen an den Strand zu gehen und dort zu schlafen... dort haben wir uns auf eine Düne gelegt... doch bald war dort so viel los, so viele Manschen, dass wir es aufgegeben haben zu schlafen. Mittags gingen wir zurück zum Haus und dort waren alle schon wieder/immer noch am Trinken und Grillen... also haben wir interessante Gespräche geführt (z.B., darüber, wie wichtig der Job einer Kassiererin im Omnibus doch ist, vor allem in Zeiten des Tourismus...)und irgendwie die Zeit vergehen lassen.
Um 6 kam der Omnibus endlich und ich war so froh... dann ist der Busfahrer aber einen anderen Weg gefahren, Gott allein weiss warum, er ist auf eine Sandstrasse gefahren und dort sind wir um 18.15 mit dem Hinterrad im Sand versackt... und nun stelle man sich bitte eine Busladung betrunkener Menschen vor, die versuchen einen 50 Personen Reisebus durch anschieben und ziehen dort wieder herauszubringen... Die Zeit verging und der Reifen grub sich immer tiefer ein... immer tiefer, wir mussten alle aussteigen und haben brav gewartet, dass ein Wunder geschieht. Um 9 kam ein kleiner Traktor der Stadtverwaltung... der hat mal vorne gezogen, mal hinten, ein netter Versuch... doch auch er hat sich nur eingegraben... dann hat man Steine und Bretter untergelegt usw... nun, um 11 hiess es, dass sie es heute wohl nicht mehr schaffen... wir waren so fertig von der letzten Nacht, dass wir eine Frau von dem Supermarkt vor dem wir versackt sind, gefragt haben, ob wir bei ihr schlafen können. Sie hat uns ins alte Haus ihrer Mutter gebracht, wo wir am Dach unsere Hängematten aufhängen konnten und so bis 4 geschlafen haben, bis sie uns geweckt hat, weil anscheinend der Bus bald frei sei... nun wir sind dort angekommen... alles unverändert, doch der Busfahrer hat (endlich) das Busunternehmen angerufen und die haben ein Bergefahrzeug mit Seilwinde geschickt.

Beim ersten Versuch ist das Seil gerissen, beim zweiten ging es endlich... unter Verlust der Frontscheinwerfer wurde der Bus herausgezogen. Immer unter Begleitung der gröhlenden, kichernden, tanzenden Anwesenheit der Feiernden. Um 5 machen wir uns also auf den Weg, es ist noch dunkel, wir haben keine Scheinwerfer und der Busfahrer hat die ganze Nacht nicht geschlafen... aber wir fahren. Ach já, während der Rettungsaktion liess der Fahrer die ganze Zeit den Motor laufen... fast 10 Stunden lang... vielleicht war as der Grund für den nächsten unglücklichen Zufall. Um 7 in der Früh bleiben wir mitten in der Pampa stehen, ein Band vom Motor ist gerissen, kein Ersatz da... alle torkeln besoffen aus dem Bus... sie kichern immer noch, ich weiss nicht, was dieses Volk getrunken hat, aber sie haben gefeiert ohne Pause... vielleicht hätte ich auch mehr trinken sollen, dann hätte ich es auch lustig gefunden. Der Busfahrer hat sich zu Fuss auf die Suche nach einem Telefon gemacht... währenddessen hat das Volk aber einen anderen Bus angehalten, der das Ersatzteil hatte...

Also hatten wir einen funktionierenden Bus ohne Busfahrer... irgendwann kam er dann, für mich war alles wie im Halbschlaf... um 9 haben wir nochmal irgendwo den Bus gewechselt, weil der Fahrer einen neuen angefordert hatte... und immer noch haben sie gekichert. Um 10 waren wir in Mãe Luiza, duschen und ab ins bett... Ende der story Und als ich das Haus am abend verliess wollte mich unser Nachbar für ein Piknik einladen... mit einem verbissenen Lächeln hab ich abgelehnt...

Was gibt es sonst noch zu erzählen? Im August werde ich wohl anfangen Englisch vormittags zu unterrichten, da es auch ziemlich viele Leute gibt, die abends keine Zeit haben und doch Englisch lernen wollen. Die Kunststunde n im casa crescer werde ich mit Schwester Francisca weitermachen, wir würden uns gerne bisschen auf „malen an der freien Luft“ also am Meer einlassen.
Ausserdem habe ich eine Deutschschülerin von mir, die gerade den schwarzen Gürtel in Karate macht, auf die Idee gebracht im casa crescer Karate für Mädels zu unterrichten und damit wird sie wohl auch im August anfangen.

Habt ihr gelesen oder gehört, dass aus einem Gefängnis in São Paulo über hundert Häftlinge ausgebrochen sind? Es ist Carandirú, das grösste Gefängnis von Südamerika und es gibt ein sehr gutes Buch darüber von einem Arzt (namens Drauzio Varella), der dort mit AIDSkranken arbeitet. Das Buch heisst Estação Carandirú, vielleicht gibt es das já in Deutschland, er erzählt über die Zustände, Krankheiten, das Leben dort. Es sind über 7200 Leute dort in sieben Gebäuden untergebracht und eben von dort sind Flüchtlinge durch einen Tunnel entkommen. Das Verrückte ist, dass wir in der Jugendherberge in Olinda einen Mann getroffen hatten, der dort arbeitet. Er hat uns auch von den Tunneln erzählt und von diesem Arzt und es war total interessant... wer also ein gutes Buch lesen will...

Seid herzlich gegrüsst aus dem kalten, winterlichen Brasilien

Eure Moni

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