Von: monika [mailto:faentchen@gmx.de]
Gesendet: Dienstag, 14. März 2001 05:42
An: barbara aigner
Betreff: news


Hallo alle zusammen, ihr Interessierten an meinem Leben.

1. der flug
der flug war ok. etwas lang aber ich konnte durch meinen charme einen fensterplatz erobern und so dem sonnenaufgang entgegenfliegen, wunderbar. Dann hat mich sabino, mein anleiter, abgeholt, es hatte wohl so 36 grad, hier gibt es keine thermometer... nur in teuren autos. Der hitzeschock ist schon enorm, wenn man den terminal verlaesst und die luft entgegenkommt, man kann kaum atmen.

2. das haus und das Leben
Ja, dann durfte ich in mein haus, duschen, usw...
Ich wohne mit Stephanie zusammen, sie ist 20 jahre alt, aus der franzoesischen schweiz und seit Ende januar hier. Sie erleichtert mir den einstieg und es ist gut, am anfang nicht allein im haus zu sein... Den ersten tag haben wir deutsch geredet, weil sie 2sprachig abi gemacht hat, aber dann fanden wir, dass es wichtiger fuer uns ist, jetzt portugiesisch zu lernen und so reden wir portugiesisch. Mich wuerde interessieren, was die leute darueber denken, denn wir machen so viele fehler und verwenden worte die es gar nicht gibt, aber dem franzoesischen oder latein aehneln und fuer uns sinn haben. So ist es eine eigene sprache und wenn es gar nicht mehr geht mit dem verstehen, nehmen wir eben eine andere sprache, Englisch, deutsch oder franzoesisch, es ist lustig.
Das Haus hat 2 Zimmer, ein bad und eine grosse wohnkueche... naja also fuer hier ist sehr gross, vor allem fuer 2 leute, aber dem komfortstandard von dtl kann es nicht konkurrenz machen. Es ist gefliesst, ein paar moebel gibt es auch, ich hab z.b. 2 betten, eines ohne matratze und eines mit... wobei man die vergessen kann, weil sie ungefaehr 2 zentimeter dick ist. Ich bevorzuge die haengematte, auch wegen dem ganzen ungeziefer. Erst gestern hatte stephanie einen skorpion in ihrem zimmer, danach eine barrata (ich werd mal eine toeten und nach dtl schicken). soviel zu den tieren, die ameisen darf man natuerlich nicht vergessen, ebenso die kleinen eidechsen namens gekkos... aber wir haben noch mehr, sogar schon eine hausratte, die oben unterm dach zwischen mauer und dach herumklettert und ziegel aus dem dach loest... Was nicht grad dazu beitraegt, dass das dach dichter wird, wenn es regnet. Aber bei der hitze stoeren die tropfen eignentlich kaum.
Also ich weiss nicht so ganz, wozu das haus da ist, eigentlich ist es nur sichtschutz, denn man hoert alles, alles was im umkreis von 50 metern passiert, musik, haehne, hunde, geschrei, streit... ich bin froh, dass ich nicht alles verstehe. Schlafen ist ein alptraum...ich schlafe ein, mit walkman - aber um 5, halb 6 geht es los... wenn die sonne aufgeht, ist ploetzlich alles auf den beinen... und auch in der nacht wird da mal geschrien, tuts hier mal nen knall. Ich frage mich, wann ich den schlaf aufholen soll. So paar alltagssachen... curiosodades
Das wasser aus der leitung ist kein trinkwasser, man kauft so 20 liter fuer 1,30 reais... 1 reais ist ca gleich der Mark. Man muss dann nur einen netten herrn finden, der das waser zum haus bringt. Das klopapier kommt nicht ins klo, sondern daneben in einen abfalleimer, weil die rohre so duenn sind. Wir kochen mit gas, was mich jedesmal vom geruch her ans zeltlager erinnert. Sonst gibts ueberall viel viel muell und gestank, besonders wenn man mit den Familienbesucherinnen in die kleinen gassen geht.
Abends wird mae luiza zum liebesnest, auf der strasse sind lauter liebespaerchen und tagsueber kann man dann die schwangeren bewundern... ich denke, jede 3. Frau im alter von 15-35 ist schwanger.

3. Arbeit
aeh, ich dachte ja, dass ich erst am 12. anfange, aber das laeuft hier eben alles bisschen freier, also hab ich eigentlich gleich mitgemacht, vormittags bei den unterernaehrten, bzw. Fehlernaehrten kindern, dort lerne ich wickeln, baden, fuettern, was man halt auch noch fuers spaetere leben gebrauchen kann. Die kinder werden von den muettern gebracht und man versucht sie aufzupeppeln, einige koennen mit 2 noch nicht sitzen, oder sind voellig steif, weil sie zu hause nur herumliegen etc. oder sie essen nur kekse, weil sie nichts anderes kennen, da wird versucht, dass sie mal was gescheites essen.
Dann bin ich bei einer gruppe von behinderten, sorry menschen mit behinderung, dort wird gebastelt, gesungen, gegessen... es dient als erleicherung fuer die familien. Dort sind im moment auch 2 autistinnen, die gerne mal andere schlagen und wuetend werden, selbst den eigenen kopf gegen die wand schlagen. Es ist schwierig dem entgegenzuwirken, weil die raeumlichkeiten sehr eng sind. Nachmittags gehe ich mit einer der familienbesucherinnen durchs viertel und wir besuchen meist junge muetter, die kleine kinder haben oder schwanger sind. Wir schauen, ob das kind gesund ist, sich gut entwickelt, es auffaelligkeiten gibt, dann wird auch ueber vorsorge, verhuetung, ernaehrung usw gesprochen. Oder aber man unterhaelt sich ueber die neuigkeiten in der Novella, die gerade im Fernsehn laeuft und fiebert dem geschehen entgegen. Es ist so was wie bei und marienhof oder so, aber wird viel mehr verehrt, ich weiss nicht warum, es handelt sich nur reiche leute, die angezogen und geschminkt sind wie in den 80-er jahren, es ist schrecklich.
Ja, ansonsten hat sabino viel vor, ich soll bald deutsch unterrichten, stephanie hat schon mit franzoesisch angefangen. Ausserdem werden wir eine art atelier machen, fuer verhaltensauffaellige kinder, mit denen wir basteln, malen, jonglieren, was sie wollen. Sabino will auch, dass ich was mit musik mache, einen chor oder gitarrengruppe, ich denke es gibt viele ideen. Ausserdem wollen wir eine volleyballgruppe bilden, um am strand etwas zu spielen, es gibt hier ausser fussball und capoeira keine sportmoeglichkeiten. Sabino will auch mal eine mehrzweckhalle bauen, aber erst geht alles geld fuer ein altenheim und die haeuser von sopapo (Haeuser, die ehemalige bewohner der favela selber bauen) drauf.


Eine Hütte der Favela. Im Juli sind die letzten 9 Häuser fertig-
gestellt worden. Somit gehört die Favela der Vergangenheit an.


Ich bin noch bei saemtlichen treffen, also reflexionen und vorbereitungen von arbeit dabei, langweilig war mir noch nicht... hinzu kommt noch das geschreibe, und viele gespraeche auf der strasse, irgendwer spricht einen immer an und ich habe noch nie so viele leute gegruesst wie hier...

4. Freizeit
freizeit ist nicht genau definiert, aber ich hab hier schon so einiges erlebt. Einkaufen zum beispiel. In der stadt, also natal gibt es riesige zentren, der eine supermarkt hat 50 kassen, das ist soviel wie meine sonnencreme lichtschuzfaktor hat... samstag vormittag war ich dort, es war der horror, irgendwie war die ganze welt dort und ich bin ueber eine stunde an der kasse angestanden. Nicht dass viele waegen da gewesen waeren, nein, aber die waegen sind so gross wie der kofferraum eines mittelklassewagens und das dauert eben, bis das alles am band ist.
Dann hat in der stadt ein neues theater aufgemacht, dort waren wir schon auf einem konzert... danach sind wir gleich mit dem saenger was trinken gegangen, stephanie kennt irgendwie eine menge kuenstler und das war eine ganz andere welt wie hier in mae luiza... brasilien ist nicht arm, das Geld ist nur schlecht verteilt. Aber die meisten dieser reicheren leute finden die arbeit in mae luiza und anderswo sehr gut und unterstuetzen sie hoffentlich auch. Gestern war ein strassenfest vor diesem theater und da war auch eine gruppe von strassenkindern aus dem inneren von rio grande do norte, das projekt nannte sich projeito vivo – pau e lata, holz und Dose... es waren kinder, die aus muell percussion instrumente machten und trommelten, es war genial, am schluss haben sie die instrumente an die leute auf der strasse verteilt und ihnen den rhythmus gezeigt, das war einfach nur toll und die brasilianer haben es einfach im blut, alle sind mitgegangen im rhythmus.
Ausserdem gab es eine vorstellung von Koerperbehinderten, die mit nichtbehinderten tanzten, es war beeindruckend schoen und mit soviel herz, hier ist alles mit soviel herz... weiss nicht, wie ich es beschreiben soll.
am samstag abend war “luar” – Vollmond... da gab es auch ein fest am strand, einige der familienbesucherinnen waren dort und wir haben uns mitgenommen. Aber bis es soweit war... man bracuht geduld hier. Wir wollten uns nach der messe treffen, so halb 8. haben wir auch, aber dann sind wir erst in ein haus, haben suppe gegessen, dann sind wir spazieren gegangen, knapp einem Schusswechsel entkommen (2 junge maenner haben sich gestritten und dann heisst es chega!! Und man wird schnell in irgendein haus geschupst. Aber der eine der beiden ist weggelaufen und so war die gefahr vorbei.) Wegen der gewalt im viertel gab es eine reportage im fernsehen, bei einem der treffen kam ein fernsehteam und so war ich schon im fernsehen... alle haben uns gefragt, ob wir es schon gesehn haben, aber ich glaub wir sind der einzige haushalt, der keinen fernseher hat... Zurueck zu luar. Wir haben da auf jemanden gewartet, da was geholt, dann um 11 waren wir endlich da. Wir haben erstmal holz gesucht, dann feuer gemacht, es gab wein aus der plastikflasche, einer hatte eine gitarre dabei und dann wurde gesungen, brasilianische herzschmerzlieder, das ist sooo toll, ich koennte stundenlang zuhoeren und wenn man auch noch was versteht ist es um so schoener. Dann gab es “vaca loca” – verruecktes Rind... das gibt es hier anscheinend auch und ich habs gegessen, aber vielleicht war es auch nur eine verarschung, wer weiss, man kann sich nie so ganz sicher sein, die brasilianer haben viel humor.
Es war einfach toll, um 3 sind wir als erste gegangen, weil wir soo muede waren. Erst in der frueh war ich mit diego beim Joggen, diego ist ein nachbarsjunge, er ist 14 und gibt uns portugiesischstunden, natuerlich ohne deutsch zu koennen. aber es ist gut und er ist echt ein schlauer Kerl, er lernt in der schule sogar die Taubstummensprache. Er ist vor 2 monaten aus rio hier her gekommen, weil seine eltern sich getrennt haben, er ist mit dem bus ueber 40 stunden gefahren... um jetzt hier in mae luiza zu landen. So in der nacht hat es immer noch 29 grad, das weiss ich, weil uns mal irgendjemand heimgefahren hat, der hatte ein termometer im auto. Gestern nach dem strassenfest haben wir ueber eine stunde gebraucht um mit dem bus wieder nach mae luiza zu kommen, der bus, mit dem wir hingefahren sind, kam dort in der anderen richtung nicht vorbei. Also haben wir jemanden gefragt, wie wir nach mae luiza kommen, er hat uns den bus 57 genannt und auf irgendeine haltestelle verwiesen... haha aber hier erkennt man nicht, an welchem laternenpfahl es eine haltestelle gibt, sie gibts einfach und wenn man es nicht weiss, pech. Also haben wir irgendwo gewartet, aber kein bus kam. Andre maenner haben uns wieder woanders hingeschickt, dann waren wir wieder am ausgangspunkt, bis ein mann uns beigleitet hat und mit uns gewartet hat bis der bus kam. Das ist das andere problem, weil am sonntag viel weniger busse fahren und es gibt nie plaene wann. Kann also sein, dass es nur einen bus in der stunde gibt und wenn man nicht weiss wann ...???

Fuers erste solls das mal gewesen sein, grad kommt adriano, ein secretaer hier, mit mittagessen

Beste gruesse aus der hitze....

Eure moni

Noch was zu post und e-mail....
Post ans centro, da komm ich oefter vorbei als bei sabino... sabino druckt mir alle mails aus... also brav schreiben

Mail an Babby | #1 | #2 | #3 | #4 | #5 | #6 | #7 | #8 | #9 | #10 | #11 | #12 | #13 | #14 | #15