Von: monika [mailto:faentchen@gmx.de]
Gesendet: Montag, 24.12.01 13:29
An: barbara aigner
Betreff: Newsletter # 14



Dezember 2001

Feliz Natal und schöne Festtage…ich wünsche allen ein paar ruhige Minuten, um den letzten Brief des Jahres zu lesen.
Das ist mein Geschenk an Euch alle.

Lebe dieses Leben mit den Schmerzen und der Freude, jeden Tag
Das ist es, was Gott will
Lebe dieses Leben, tauche ein in die Liebe, das ist dein Schicksal
Das ist es, was Gott will,
zusammen mit anderen auf dem Weg zu Gott
Geh immer zusammen mit den Mitmenschen
Und entdecke schliesslich den Himmel in dir.

Lebe dieses Leben, ein Abenteuer der Liebe, der Einheit
Das ist es, was Gott will
Lebe dieses Leben, baue jeden Tag am Paradies
Das ist es, was Gott will
Lebe, um die Welt zu verändern
In Einheit - in Frieden

Denn Gott ist da,
In deinen Mitmenschen
Und entdecke schliesslich den Himmel in dir.

Das ist der Text eines Liedes, das die Lehrer und Schüler vom Casa Crescer in der gestalteten Messe während der Padroeira (Patronsfest: Nossa Senhora da Conceição - Maria Empfängnis) gesungen haben. Ich fand den Text, das Lied einfach schön, deshalb findet ihr hier die Übersetzung. Nun also zur Padroeira. Die Padroeira dauerte 9 Nächte (heisst deshalb auch Novena) und jeden Abend gab es eine Messe, gestaltet von einer dem Centro Sócio Pastoral N.S. da conceição zugehörigen Gruppe. Es gab also eine Messe dês Espaço livre (Kindergarten), des Casa Crescer (Nachhilfeschule), des Espaço solidário ( Zentrum des Zusammenlebens-Seniorenzentrum), der Legião da Maria, der Dizimisten und der Katechisten. Während der Padroeira fanden dann auch die Erstkommunion und die Firmung statt. Es gab eine Messe für alte und kranke Mitmenschen und eine Messe für die Ehepaare (mit echter weisser Hochzeit).
Aber der Reihe nach.
Am ersten Tag wurde die Fahne der Padroeira über dem Haupteingang der Kirche gehisst. Dort hab ich auch das erste mal die Hymne der Padroeira gesungen, die in folgendem Ritual jeden Abend wieder gesungen wurde. Am Ende der Messe haben sich alle vor die reichlich geschmückte Marienstatue gestellt und die Hymne unter viel Klatschen und Berühren der Maria gesungen. Geendet hat es dann immer mit einem lauten VIVA MARIA, VIVA NOSSA SENHORA. Die Kinder des Kindergartens haben in ihrer Messe Gebete aufgesagt und gesungen, die Senioren haben eine Choreografie vorgeführt und die Schüler des Casa Cescer haben eindeutig die lebendigste Messe gefeiert, verkleidet als Clowns sind sie um den Altar gehüpft, haben gesungen und Trommeln geschlagen.

Es war sehr laut, aber allen hat es gefallen. Kommunion und Firmung unterscheiden sich nicht viel von den Festen bei uns, alle Mädels in weiss, die Jungs in dunkelblau und viele Fotografen, viel Aufregung…bei der Firmung ähnlich. Die Hochzeit war auch ganz nett, es war so richtig filmreif, denn die Braut wollte einfach nicht erscheinen, sprich sie kam mit einer halben Stunde Verspätung, und und und….
Nach der Messe fand jeweils auf einem neugebauten Platz neben der Kirche ein Fest statt, mit Ständen von selbstgebastelten Sachen aus dem Seniorenheim, Essen und Trinken und jede Menge Kultur von Gruppen aus Mãe Luiza. Es gab Capoeira, Streetdance, verschiedene Choreografien, den Pastoril getanzt von den Senioren, Mamulengo (Puppentheater) und vieles mehr. Zum Beispiel gab es vom Altenclub einen Tanz namens dança da tapioca(- tapioca ist eine Art Fladen aus Maniokmehl), er hat mich sehr beeindruckt, weil diese Damen in fortgeschrittenem Alter wirklich Samba getanzt haben.
Am Morgen des Patronsfestes (8.12.) gab es um halb sechs ein Morgengebet rund um den Leuchtturm, an diesen Sonnenaufgang werd ich mich hoffentlich mein Leben lang erinnern, es war wunderschön, etwa 90 Leute waren gekommen, wir sassen auf den Stufen des Leuchtturms mit Blick auf das Meer úber dem sich die Sonne langsam erhob. Sabino hat uns Gedankenimpulse gegeben und auch gesungen wurde kräftig. Am Schluss haben wir den Blick geändert, in die andere Richtung, die auf dem ersten Blick nicht so schön ist, aber viele Schönheiten in sich birgt, das Viertel. Und alle haben sich an den Händen genommen, das Vater Unser gesungen und jeder konnte sagen, was er im Viertel segnen will. Alle haben ihr Hände ausgestreckt und das Viertel gesegnet. Am Schluss haben sich alle einen guten Morgen und den Frieden gewünscht, schade, dass es das nicht öfter gibt. Nach der Messe am Abend gab es als grossen Abschluss noch eine Prozession durch das Viertel, mit den Kommunionkindern, der Marienstatue und viel Gesang. Beim Ankommen der Prozession wurde dann die Fahne eingeholt und auch erstmals die Glocke geläutet. Ja, nach einigen Jahren Glockenturm ohne Glocke war sie plötzlich da und wird jetzt jeden Tag um 12 mittags und abends um 18:00 Uhr per Hand von Simone geläutet, ein grosser Gewinn für die Gemeinde.
Dieses Jahr gab es auch das erste mal einen Adventskranz schwebend in der Kirche, und einen Kalender der Freundschaft, der uns jeden Tag von den Computern einiger Freunde aus Penzberg erreicht, wir übersetzen die Texte und hängen Bilder und Texte in der Kirche aus. So lerne ich Euch auch mal alle kennen.

Ein anderes grosses Highlight in Natal war der Carnatal, der Karneval ausserhalb der Saison. Diese Art von Karneval gibt es in jeder grösseren Stadt, entstanden ist er hier in Natal, um sagen wir es mal deutlich - Geld zu machen. Im Karneval im Februar fahren die Menschen nämlich eher in die Hochburgen wie Salvador, Olinda oder Macao und so haben schlaue Geschäftsleute diesen Carnatal erfunden. Hauptbestandteil sind die Blöcke der Musikgruppen. Für das Hinterhertraben hinter so einen Wagen zahlen die Leute und bekommen ein T-shirt (also garrrrr nichts mit Verkleiden oder Samba oder so, alle eines Blockes haben dasselbe an). Wer nicht zahlen will oder kann, bleibt so auf der Strasse, nennt sich dann bloco pipoca (Popcornblock) und ist während der Block seine Runden dreht durch ein Seil von den Zahlenden abgesperrt. Dieses Seil gilt als Sicherheit vor Diebstählen und so. Das Seil selbst wird gehalten von den Ärmeren der Bevölkerung, die die Aufgabe haben, die anderen zu beschützen vor pipoca. Wer also dieses Seil hält, verdient pro Nacht 10 Mark, wodurch ich viele Leute aus Mãe Luiza getroffen habe, unter ihnen wirklich die ärmsten, die heruntergekommensten. Und da wären wir wieder beim Thema der Unterschiede, der enormen sozialen Differenzen, wenn der Block vorbeigezogen ist, haben die Armen sich um die Bierdosen geschlagen, die die Reichen hinterlassen haben. Die Dosen, oder bestimmte Teile kann man verkaufen oder Sachen basteln. Alle diese Bands waren aus Salvador, auf riesigen Lautsprecherwagen, dahinter gleich ein nochmal so grosser Klowagen für die Mittänzer.
Der Grund warum die Menschen diese T-shirts kaufen liegt vor allem darin, dass nach dem Umzug auf der Strasse der Block in einen Korridor geht und dort gibt es nur noch diejenigen, die zahlen, sprich man ist unter sich (das weiss ich jetzt nur aus Erzählungen) und hat Sicherheit und Vergnügen, viele Fernsehstars treten auf usw... Es waren auf jeden Fall viele, viele Menschen, viel Flirten, viel Gewalt und viele Drogen. Schon im Bus haben die Jungs Lolo (Mischung aus Äther und irgendwas) und Klebstoff geschnüffelt. Einige in Plastiksäckchen oder weniger auffällig in einem T-Shirt, einige von ihnen vielleicht grade mal 10 Jahre alt. Wenn sie dann dort beim Carnatal ankommen, gibt es besondere Kurven, die enger sind, dort warten sie auf die Blöcke und durch das Gedränge gibt es gute Möglichkeiten nahe an das Seil und die Menschen zu kommen. Dort wird dann alles vom Körper gerissen was geht, Ketten, Uhren, Trinkflaschen, sogar die T-Shirts oder Stirnbänder. Und viele dieser Jungs sind aus Mãe Luiza, das ist traurige Wahrheit. Ich weiss nicht, warum mir das erst jetzt so auffällt, aber wenn ich abends durch die kleineren Gässchen gehe, stehen sie immer an den selben Ecken, mit ihren Säckchen in der Hand, die Mehrzahl sind Jungs, aber auch Mädchen sind dabei, und das gibt mir immer einen Stich, die verklärten Augen, der schwebende Gang....und meine eigene Hilflosigkeit.
Und als der Carnatal vorbei war hab ich dann im Radio gehört, dass es der friedlichste Carnatal seit 8 jahren war, mit den wenigsten Toten... ist eben alles relativ.

Ein Fest ganz anderer Art wurde am 14.12 hier in der Kirche gefeiert. Der Kindergarten und die Schule haben das Schuljahr beendet und somit gab es für die Kinder, die den Kindergarten verlassen und in die Schule kommen werden ein grossen Fest, die formatura.
Alle hatten einen Unihut auf, wie man ihn aus den US-Filmen kennt und einen Umhang mit den Buchstaben ABC (siehe Foto, Ähnlichkeiten mit dem März-Kind im Kalender sind nicht zufällig). Es wurde ein Eid geleistet, dass man in der Schule immer schön lernen wird, den Lehrern und Eltern gehorchen wird, es wurden Lieder gesungen und leider sehr, sehr viele Fotos geschossen während der Feier und ständig haben die Mütter an den Hüten gezupft und zum Geradesitzen ermahnt... ich fänd es einfach nur schön, wenn die Kinder auch während des Jahres nur ein bisschen von der Aufmerksamkeit abbekommen würden, die ihnen in diesen 2 Stunden entgegengebracht wurde und einige denk ich auch überfordert hat.

Aber jetzt ist das Schuljahr zu Ende und ich hoffe, dass die kleinen weiterhin in die Schule gehen, denn um die Schule kümmern sich eigentlich die wenigsten.

Ganz anders das Casa Crescer, dort gab es die Neueinschreibung und viele Mütter (fairneshalber muss ich erwähnen, dass auch ein Vater dabei war) haben die Nacht zuvor auf der Strasse geschlafen, um einen der begehrten Plätze zu ergattern. Einige haben es auch schon die Tage zuvor versucht und alle waren ziemlich genervt, weil es schien, dass jedes Kind es nötiger hatte, Kinder, die schon zum dritten mal die erste Klasse wiederholen usw.Das muss eine Schule erstmal nachmachen, dass sich die Eltern um die Plätze streiten. Leider ist nunmal nicht für alle Platz und es tut mir schon leid, weil die Kinder es wirklich, wirklich brauchen. Wenn ich hier einen Wunsch frei hätte, so würde ich das staatliche Schulsystem ändern, das in den letzten 10 Jahren stark abgebaut hat, fast keine Reinvestition erfahren hat. Vor 10 Jahren sollen die staatlichen Schulen noch besser als die privaten gewesen sein, jetzt ist es leider eine Katastrophe.
Auch das Casa Crescer hatte eine kleine Abschlussfeier, jede Klasse hat etwas vorgeführt und eine war dabei, die hat ein Lied gesungen und vom Text her ging es um Fischer, deshalb hatten sie ein Fischernetz dabei. Und am Ende vom Lied, haben sie das Netz aufgespannt, sie haben es zusammen gehalten und ein Papiermodell des Viertels auf das Netz geworfen und so das Viertel getragen, das hatte eine wahnsinnige Symbolkraft. Auch mit den Senioren gab es eine Riesenfeier, organisiert und unterstützt von der UNP (Universidade Potiguar- Privatuni in Natal), es gab Geschenke und die Senioren haben Tänze gezeigt.


das Foto zeigt einige der Tänzerinnen des Pastoril in den
trad. Gewändern rot und blau

Viele haben gefragt, wie es so um die (vor-)weihnachtlichen Gefühle steht??
So genau kann ich das nicht sagen, die letzte Woche haben sich glaub ich sogar Weihnachtsgefühle eingeschlichen. Ich war bei verschiedenen Konzerten, es gibt eine Vorführung "presente de Natal", die die Kultur des Nordostens beinhaltet. Es gab alle traditionellen Tänze (Quadrilla, Pastoril, dança do boi,..) und auch eine Art Krippenspiel. Ich habe noch nie eine bessere Kulturveranataltung erlebt. Die Effekte waren perfekt, die Menschen waren zu Tränen gerührt.
Das besondere hier an Weihnachten ist glaub ich die fröhliche Art, auf die es gefeiert wird. Die Weihnachtslieder (hauptsächlich Stille Nacht, Jingle bells und O Tannenbaum) werden schneller gespielt als in Deutschland und es wird viel getanzt... In Deutschland ist Weihnachten eher besinnlich, alles liegt still, macht staunend. Hier sind einfach alle fröhlich, es ist ein grosses Fest und der Name Jesus ist überall in dieser Freude gegenwärtig.
Im Parque das Dunas (2. grösster Stadtpark Brasiliens) gab es ein Konzert der Philharmoniker von Rio Grande do Norte mit einigen Weihnachtsliedern, das war ein eher komischer Moment, im Schatten bei immer noch über 30 Grad, schwitzend, mit Sonnenbrille und kurzen Sachen.... aber ein nicht minder schöner Moment, bei Jingle bells sind alle aufgestanden, rumgehopst- total verrückt. Von Advent war fast nichts zu hören (ausser von Sabino) und so schaffte ich mir mit den importierten Adventskalendern eine Erwartungsstimmung. .... in den letzten Wochen hab ich ausserdem wunderbare Bekanntschaften gemacht und viele schöne Momente erlebt, Gespräche gehabt, Türchen zu Menschen aufgemacht, und wenn ich die freien Tage jetzt mit all diesen Menschen geniessen kann, muss ich mir nichts mehr wünschen, bin ich feliz in Natal.
Und ich muss mir keine Gedanken machen, ob es weisse oder grüne Weihnachten werden (denn mit Sicherheit werden sie weiss wie bei Euch - dank der Watte), aber euch wünsch ich natürlich viel Schnee und Weihnachtsstimmung. - Pssst!! Unter uns gesagt würde ich natürlich auch liebendend gerne ien verschneites Weihnachten in St. Johannisrain verbringen, aber da ich hier wirklich glücklich bin, verbringe ich dieses Weihnachten eben mal bei über 30 Grad und freu mich dann umso mehr auf das Nächste. Mit dem Deutschkurs hatten wir letzte Woche eine schöne Vorweihnachtsfeier, ich hatte erwähnt, dass es bei uns zuhause immer Fisch mit Kartoffelsalat gibt und so hat sich ein Schüler (ein Koch) bereit erklärt Fisch zuzubereiten und ich hab den Kartoffelsalat gemacht. Wir haben Weihnachtslieder gesungen und zum Nachtisch gab's eingeflogene Plätzchen und Lebkuchen ... Aber im Endeffekt ist nicht das Klima oder die Kultur das was Weihnachten ausmachen sollte, sondern Weihnachten ist in uns - sei es nun am 24, 25.12 oder irgendeinem anderen Tag des Jahres.

Hier noch ein Text, den ich auf einer Weihnachtskarte erhalten habe.

"In Brasilien ist es zwar schwer einen Schneemann zu bauen, es ist aber ganz leicht einen zu schmelzen."

Ich wünsche Euch, dass die (brasilianische) Wärme und die Liebe Jesu alles Eis von Euren Herzen schmilzt

Nochmals: Frohe Weihnachten und einen guten Start ins neue Jahr.

Eure Moni

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