Von: monika [mailto:faentchen@gmx.de]
Gesendet: Sonntag, 25.11.01 14:03
An: barbara aigner
Betreff: Newsletter # 13


Ende November

Fühlt ihr es auch??
Brasilianer und Deutsche sind wieder ein Stückchen zusammengerutscht. Sich nähergekommen. Warum? Beide Nationen haben in der letzten Zeit die gleichen Ängste ausgestanden, die aber Gott-sei-dank in Freude übergingen. Also Brasilien hat sich letztendlich -wie Deutschland- für die WM qualifiziert, ich habe nicht zugeschaut, aber den Jubelsalven (+Feuerwerk und Autohupen) konnte ich entnehmen, dass es 3 Tore waren. Ich habe mir wirklich auch gewünscht, dass sie gewinnen, denn es wäre eine nationale Katastrophe geworden, ehrlich. Wäre ungefähr genauso schlimm, wie wenn man den Karneval abschaffen würde.

Im Dezember wird es hier in Natal den Carnatal geben, jede Stadt hat ausserhalb des Karnevals im Februar ihre eigene Saison. Jetzt geht also schon der Ticketverkauf los und auch die Werbung. Für die 4 Tage muss man im Durchschnitt über 100 Reais hinlegen, wenn man in einem der Blöcke (also mit der Band) mitgehen will. Den Preis kann man in Monatsraten bezahlen, was heisst, dass man noch lange nach dem eigentlichen event dafür bezahlen wird. Die meisten Leute hier aus Mãe Luiza gehen nur so zum gucken hin, aber es gibt auch einige, die das ganze Jahr dafür sparen 4 Tage Spass zu haben. Ist vielleicht schwer zu verstehen, denn mit dem Geld könnte man wohl sinnvolleres anstellen. Doch das Leben besteht nunmal nicht nur aus Essen und Wohnen, sondern um Person zu sein, braucht man Bildung und auch Kultur, Vergnügen.
Die Menschen hier haben kein ausreichendes Angebot an Kultur (das man bezahlen könnte), die Kultur, die weite Welt, Wissen, Reisen, Reichtum holen sie sich durch den Fernseher. Das ist mit ein Grund, warum in allen Favelas dieses Landes die Antennen auf den Dächern stehen. Das ist ihre Kultur (z.B.novelas) aber gleichzeitig auch ihr Schicksal, denn die Fernsehsender sind die Regierenden hier im Land und was gezeigt wird, ist leider oft alles andere als horizonterweiternd.

Letzten Monat gab es hier in Mãe Luiza ein Riesenevent mit dem Namen Nosso Bairro cidadão, ein Wochenende lang hat die Stadtverwaltung eine Partymeile aus Mãe Luiza gemacht. Schon eine Woche vorher hat man wahrnehmen können, dass irgendetwas kommen wird, denn das Viertel war voll von Müllmännern, Strassenpflasteren, Malern, die die Randsteine angemalt haben, also wirklich eine Hundertschaft.(Gereinigt wurden jedoch nur die Strassen, die man von der Hauptstrasse aus sehen konnte). Einen von denen hab ich dann gefragt "kommt Wilma"(die Bürgermeisterin von Natal ) , er hat nur lächelnd mit dem Kopf genickt. Einmal im Monat ist immer ein anderes Viertel von Natal dran, es gab den ganzen Tag über Livebands, eine Strasse voller Spiele, Billard, Streetball, Tischtennis, Kicker, es gab Ärzte, Anwälte, die man umsonst konsultieren konnte, man konnte Passfotos machen, es gab Essenspakete und vieles mehr.
Sogar neue Ausweise konnte man umsonst machen lassen. Das ist übrigend interessant, jedes Kind kann hier schon einen Personalausweis machen und der gilt solange, bis er total zerschlissen oder kaputt ist. Einer meiner Schüler hat den Ausweis mit 7 machen lassen, ist jetzt 16 und der gilt immer noch. Die Bewohner von Mãe Luiza fanden es natürlich toll, haben Wilma in den höchsten Tönen gelobt. Als ich dann gefragt habe, ob es nicht toll wäre, wenn man das ganze Jahr über Ärzte und Anwälte hätte, haben sie zwar mit dem Kopf genickt, aber ohne wirkliche Hoffnung. Aber so ist das hier, die Politiker entziehen 1 Jahr lang so ziemlich alles, was das Menschsein ausmacht und sonnen sich dann in der Dankbareit des Volkes während der 3 Tage high-life, an einem der Tage ist nebenbei die Schule ausgefallen, weil die Bühne direkt neben einer Schule aufgebaut wurde; aber bei den Ausfalltagen kommt es wohl auf den einen Tag auch nicht mehr an, daran kann man sehen, welchen Stellenwert die staatliche schule sich selbst gibt. Und solange das Volk am Hunger nach Nahrung und nach Kultur leidet, denkt es auch nicht an Politik oder Hintergründe der Situation.
Ist doch bei uns dasselbe, wenn wir Hunger haben, wollen wir zuallererst etwas essen und dann kommt alles andere, sind wir müde so wollen wir schlafen und nicht über die Weltlage diskutieren. In Brasilien herrscht leider sehr viel Hunger, der von der Regierung mit der "Bolsa alimentação"(Gratissack voll Grundnahrungsmittel für bedürftige Familien-man tut ja was gegen den Hunger) gestillt wird. Doch leider bleibt so eben auch die Abhängigkeit von diesen guten Gaben der Regierung, es wäre würdiger, wenn ein einfacher Lohn hier für das Überleben ausreichen würde und wenn die staatliche Schulbildung auch Chance auf Arbeit geben würde. Und ausserdem könnte man das Geld für Musikanlage, Livebands, Plakate, ...auch in etwas beständigeres investieren.

Ich wurde gefragt, wie es zu der Namensgebung von Mãe Luiza kam.
Es gibt dazu mehrere Legenden, die sich alle um eine Frau drehen mit dem Namen Luiza Pirangi. In den 30-er Jahren war sie eine der ersten Bewohnerinnen von hier, wo es nur Dünen und Wald gab. Einige sagen, dass sie die Hebamme der Natalenser war, andere sagen, dass sie Wäsche gewaschen oder Essen für die Soldaten in Natal gekocht hat. Niemand kann sagen, wie sie ausgesehen hat, aber sie soll schon alt gewesen sein und hat am Strand gewohnt, weshalb der Strand auch heute noch den Namen "Praia de Mãe Luiza" hat. Ihr Mann hatte den Namen Mané Pirangi und war Fischer. Dann ist er gestorben und sie hat angefangen Selbstgespräche zu führen, war allein und bisschen verwirrt. Und die Kinder haben mit ihr gespielt "Mãe Luiza, Mãe Luiza!". Dann ist sie zusammengekommen mit einem Mann namens João Tibau, mit dem sie vom Strand zu dem Ort zog, wo sich heute der Leuchtturm (Farol de Mãe Luiza) befindet. Dort verstarb sie und João wusste nicht, was er mit der Leiche machen sollte, deshalb hat er sie dort im Sand vergraben. Nach 2, 3 Tagen haben die Fischer und Kinder ihr Fehlen bemerkt und den Polizeihauptmann geholt, der den Hügel abgesucht, sie ausgegraben und zum Friedhof in Alecrim (Handelsviertel von Natal)gebracht hat.
Andere sagen, dass Mãe Luiza zuerst "Morro da Favela"hiess, dann nach einer Heiligen "Morro da Aparecida" benannt wurde, dann "Novo mundo" und dann erst nach Mãe Luiza, die eine Näherin gewesen sein soll.
Wer weiss? Jeder Ort hat seine eigene Geschichte, ich kann nur weitergeben, was mir erzählt wurde. Ein anderer Teil Geschichte wird auch bald (28.11-8.12) begangen, das Patronsfest (festa da padroeira) von Nossa Senhora da Conceição, die Heilige, nach der die Kirche und das Centro benannt sind. Es wird eine Woche Fest geben mit Musik, Tänzen , Kostümen, etc.... seit einigen Wochen schon wird im Altenzentrum geprobt, genäht und gebastelt. Die 4 Montage davor gibt es jeweils abends eine Prozession (missão) im Viertel, um sich auf das Fest vorzubereiten. Auch Weihnachten steht schon vor der Tür, traurig, aber irgendwie wahr, die Brasilianer haben die gleichen Weihnachtssymbole wie Nordamerika und Europa, Tannen (halt hier aus Plastik) , Schnee (ebenfalls künstlich), viele Lichterketten, Sterne, Glamour und Glitzer. Die Läden sind seit Anfang November voll davon und in vielen Häusern steht jetzt schon die Plastiktanne mit Lichterkette, wobei die Lichterkette in manchen Fällen das ganze Haus umspannt. Dafür gibt es keine Adventssonntage, keinen Nikolaus, Adventskalender und Adventskranz....aber vielleicht kommt das já irgendwann noch- der Globalisierung sind diesbezüglich keine Grenzen gesetzt, so hab ich doch im 50 Kassen-Supermarkt (mit holländischem Ursprung) schon die Melodie von O Tannenbaum gehört.

Ich habe ein Foto mitgeschickt, das sicher eine sehr traurige Situation wiederspiegelt und dieses Bild zeigt sicher mehr als Worte.
Man sieht "Seu Chico", er wohnt mit seiner Frau und seinem geistig behinderten Sohn im "conjuntinho" (Siedlung oberhalb von Sopapo, errichtet von der Stadt). Die Mitarbeiter im Centro sind bemüht ihn dazu zu bewegen, auch mal im "espaço"(wie das Altenzentrum jetzt liebevoll genannt wird) vorbeizuschauen, aber er hat nur noch wenig kraft und will sein Haus nicht wirklich verlassen.

Was eben auch noch fehlt ist ein geeignetes Fahrzeug zum Transport der Senioren, denn von einigen Teilen Mãe Luizas ist der Weg sehr weit und die Strassen sind nicht sehr menschen-und schon gar nicht altenfreundlich. Die Situation dort im ganzen conjuntinho ist leider sehr schlecht einer der Brennpunkte Mãe Luizas. Die Wohnungen sind sehr klein, 16 m2, alle nach dem selben Muster angelegt in 4 Reihen, ein Haus neben dem anderen ohne Gärten. Die Wäsche hängt also auf der Gasse, die Menschen sitzen dort zusammen wo auch das Abwasser entlang läuft. Die Probleme erstrecken sich von Drogen, Prostitution, Krankheiten bis zu einer hohen Analphabetenrate.

Die Besuche dort macht Lúcia, die vormittags mit den Behinderten zusammen ist. Sie leistet dort sehr gute Arbeit, ist für viele der Frauen die einzige Vertraute, aber Veränderungen brauchen viel Zeit und der Weg vom niemand zum jemand ist glaub ich so ziemlich der schwierigste Weg (ohne Big Brother). Wohingegen ein jemand sehr schnell zum niemand werden kann.

Manchmal kommen mir so Gedankenspiele und ich stelle mir vor, wie es wäre, wenn die Menschen von Penzberg hier leben würden mit ihren finanziellen Mitteln, ihrer Bildung, was sie ändern würden etc..und wie es wäre, wenn die Mãe Luizaner in Penzberg leben würden (wo sie wahrscheinlich spätestens jetzt den Kältetod sterben würden)..und dann merke ich, dass das Klima schon auch ein Grund für die Armut ist und zwar nicht agrarwirtschaftlich, sondern rein wohnlich.
Denn das Klima erlaubt es, dass man in Plastikplanenhütten lebt ohne an der Kälte zu sterben, das Klima erlaubt es, dass Millionen von Menschen so leben und die Verantwortlichen nichts dagegen tun.Umso bedrückender sich vorzustellen wie die Menschen in Afganistan den Winter überleben sollen??

Im folgenden möchte ich die Serie "Kirchentourismus in Natal" fortsetzen.
Ich habe eine Deutschschülerin, mit der ich jetzt schon das zweite mal in einer ihrer Kirchen Tourismus betrieben habe. (ein Tourist ist já bekanntlich eine Person, die sein Zuhause verlässt, um neues, unbekanntes zu sehen) Diesmal ging es in eine Batistenkirche, wo es eine spezielle Feier geben sollte. Die spezielle Feier bestand dann aus einem Jugendtreff einer Gruppe des Namens King's kids. Sie haben wohl immer in den verschiedenen Grossstädten des Nordostens Wochenendcamps über Gott und Jesus, aber nicht nur. Alle waren bekleidet wie man es von den Skatern und Rappern in Amerika kennt, ausladende Hosen, Trikot mit dem Logo der Gruppe. Sie tanzen und singen für Gott, aber Bestandteil dieser Camps sind auch Funsportarten wie skaten, BMX, Break-dance... Sie haben also eine Messe gehalten, sprich gesungen und getanzt, der Pastor sass in der Bank und die Leiterin der Gruppe hat immer wieder Psalmausschnitte eingeworfen und aufgefordert die Köpfe zu senken und um Vergebung der Sünden zu beten- "Gott ist gut- amen". Antwort: "Gloria-Alleluja-Gott ist stark"so ging das über eine Stunde, aber als Show fand ich es nicht schlecht, die Choreografien waren gut und perfekt. Und die Jugendarbeit scheint so auch zu funktionieren, die Kirche hat irgendwie auch die Funktion eines Sportvereins übernommmen.

Aber was mir am besten gefallen hat, war, dass ich ein Lied kannte und zwar haben sie das Lied "Shine, Jesus, Shine" in portugiesischer Version mit schöner Choreografie gesungen.
Dieses Lied singt die Band "Jesus feelings" (CD im gut sortierten Fachhandel ?!) aus Penzberg in englischer Version ohne Tanz (hey Leute -ab März werden die Beine geschwungen), was mcih befähigte Mitzusummen.

Naja, ich weiss wirklich zu wenig über die Lehre, die hinter all diesen Kirchen steht, um mir wirklich eine Meinung bilden zu können, aber es ist schon mal gut, das Gefühl zu kennen, wie es ist, wenn alle in den Bänken hüpfen und die Hüften schwingen und man selbt nicht weiss wie und wohin - ob man nun lachen oder möglichst diskret das Gotteshaus verlassen soll.


Ich habe mich fürs Lachen entschieden und so lache ich auch jetzt zu Euch hinüber!

Ich wúnsche euch eine besinnliche Adventszeit und nicht allzuviele Ausrutscher (auf dem Eis..)

Eure Moni

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