Von: monika [mailto:faentchen@gmx.de]
Gesendet: Montag, 27. April 2001 02:15
An: barbara aigner
Betreff: News IV


Me Luiza , Ende April

Ich merke, dass die Zeit schon richtig schnell vergeht hier, 2 Monate hab ich jetzt schon brasilianische Sonne auf der Haut und weil immer mal wieder jemand fragt, ob ich schon braun geworden bin > ich denke schon, jedenfalls schon so braun, dass ich die Mueckenstiche nur na der woelbung erkenne und nicht an der Faerbung... aber das Braeunen ist eher eine Nebensache hier, denn es spielt keine Rolle, wie braun ich bin, ich werde immer weisse sein, man wird mir immer ansehen, dass ich nicht von hier bin... und wenn man es nur am Gang oder der Art zu essen sieht. Meistens denken die leute ich sei aus Amerika, in letzter Zeit haben auch 2 gefragt, ob ich aus Argentinien waere... das fuehre ich wohl auf das holprige Portugiesisch zurueck. Aber das mit der Sprache ist wirklich toll, es macht spass zu verstehen, was die Leute reden und auch Spass zu sprechen... ich denke, die harte Zeit und die Angst zu telefonieren ist vorueber.

Ostern
Apropos harte Zeit, da kann ich gleich bei Ostern einhaken, das war naemlich eine harte (wegen Heimweh...), aber auch schoene Zeit. Stephanie ist mit einer Bekannten unterwegs gewesen in der high society, worauf ich keine Lust hatte na Ostern, also bin ich hier geblieben, um die Messen zu besuchen und so weiter. Gruendonnerstag war ja die Fusswaschung, von der Liturgie her etwa so wie bei uns, bloss alles bisschen weniger Tamtam, kein Weihnrauch, keine 20 ministranten, keine Orgel, sondern modernes Liedgut. Auf die Stuehle fuer die Fusswaschung hat sich einfach gesetzt, wer wollte, es waren so weisse Plastikgartenstuehle, wie man sie bei Obi kaufen kann... fuer mich ein ungewohntes Bild, woran ich mich aber langsam gewoehne. Die Predigt von Sabino war sehr schoen, darueber, dass die Fusswaschung ein Zeichen dafuer ist, dass wir alle gleich sind, dass keiner mehr wert hat als der andere, dass in Me Luiza jeder mit erhobenem Kopf durch die Strasse gehen kann... Als Zeichen galt auch das Brot, da es ja das letzte Abendmahl war, also haben die Leute hier Brot mitgebracht und von Sabino segnen lassen und Sabino hat darum gebeten, dass immer genug Brot im Haus ist fuer alle menschen, dass hat hier ein ganz anders Gewicht, als in Deutschland, weiles hier eben fuer viele ums taegliche Brot geht. Am karfreitag war das Kreuz das Symbol, viele haben ein Kreuz mitgebracht und es segnen lassen, Sabino hat die Symbolik und Bedeutung erklaert, dass jeder sein Kreuz tragen muss und so weiter... jede Messe hier ist eine kleine Religionsstunde, denn viele Traditionen aus der westlichen katholischen Kirche koennen die Luete nicht verstehen, weil sie die Geschichte nicht kennen... Brasilien ist ein sehr junges Land und ebenso das Christentum... die Menschen haben von ihren Riten und Traditionen ein ganz anderes Verstaendnis und immer weider erklaert sabino, warum er die Gaben segnet, warum in der Osternacht jeder eine Kerze in der Hand hat.
Das Vaterunser ist hier immer schoen, alle nehmen sich bei den Haenden und es wird gesungen und in der Osterliturgie wurde es auf die Melodie von Sound of Silencevon Simon und Garfunkel gesungen, da konnte ich sogar mitsingen. Am Ende der Messe haben wir noch auf eine andere Gemeinde gewartet, die den Weg zur Kirche von Me Luiza als Kreuzweg mit Stationen gegangen ist, aber sie kam nicht und kam nicht... zuerst haben wir Lieder gesungen, dann hat Sabino angeboten, religioese Fragen zu beantworten... wir haben so sicher eine halbe Stunde gewartet und ich wollte eigentlich schon gehen, als sie dann doch kamen und das war echt ein Erlebnis, es war ein Riesenzug, der da in die kirche stroemte und die Menschen wurden mit einem Segenslied empfangen und die Leute aus Me Luiza haben die Haende ueber ihnen ausgebreitet, das war wirklich schoen. Dann gab es einen gemeinsamen Friedensgruss, das dauert dann so seine Zeit und ist ein ewiges herumgerenne und haendegeschuettel und ein gemeinsames Vater unser. Ein Brauch am Karfreitag ist auch, dass man Puppen bastelt, sogenannte Judaspuppen, sie sind in etwa so wie unsere Vogelscheuchen, ausgestopfte Kleidung, Kopf... und um Mitternacht werden die Puppen mit grossem Geschrei und Gebruell zerrissen... ein grosser Spass fuer alle.
Ein anderer Brauch ist da Hennenklauen... man klaut in der Nacht die Hennen vom Nachbarn, toetet sie und laedt den Nachbarn zum Essen ein, ohne dass er merken soll, dass es seine Henne ist... Stephanie kam so in den Genuss zuschauen zu muesen, als eine Henne geschlachtet wurde. Die Osternacht war schon um 20.00 am Abend, ich hab Sabino gefragt, warum er es nicht in der Nacht macht, da hat er ganz einfach geantwortet, dass er es frueher in der Nacht gemacht hat, dann hat er aber gemerkt, dass die haelfte der Leute schlief und es ist ihm wichtiger, dass die Menschen bei der Messe wach sind, als dass eine Tradition aufrecht erhalten wird. auch gab es kein Osterfeuer, weil das Feuer hier nicht die gleiche bedeutung hat wie bei uns, bei uns bedeutet es Waerme, Geborgenheit... hier dient es einfach nur zum grillen, also verzichtet sabino auf die unruhe und beginnt gleich mit der Prozession mit der Osterkerze... Es war sehr laut in der Kirche, sie war uebervoll und der Ruf Lumen Christi hatte wohl auch nicht soviel Sinn, dass man ihn erwiedern wuerde... war alles etwas unoesterlich, aber irgendiwe dann wieder doch, denn es war Leben in der Kirche. Diesmal haben die Leute Wasser mitgebracht, da standen sie dann mit den mit wasser gefuellten cola flaschen und liessen es segnen, hat mit sehr gefallen, dass die Symbolik betont wird, denn auch wasser gibt es hier nicht sslbnstverstaendlich... (gerade an dem osterwochenende hatte ich kein fliessendes wasser im haus, aber gott sei dank hatte ich den schluessel von Irma francisca und konnte dort duschen etc...)
Nach der Osternacht gab es dann ein Fest, jeder hat irgendwas mitgebracht, es wurde Forro getanzt, getrunken, gegessen... Auferstehung gefeiert... auch wenn einige danach nicht mehr aufstehen konnten...

Zum Fischessen am Freitag wurde ich von Leda (sie arbeitet hier) zu ihrer Familie eingeladen, ihre Mutter wohnt mit Vater und Oma in der Stadt... also sind wir da hin, zu fuenft auf der Rueckbank eines Fiat Panda und ich war total ueberraschtm, weil es ein tolles Appartement war... also hab ich Leda gefragt, ob so ein Appartment teuer sei und sie sagte ja, aber dieses hat eine besondere Geschichte... frueher haben sie alle in Me Luiza gewohnt, in dem Haus, in dem Leda jetzt mit ihrer Schwester wohnt, ihr Vater hat oft Bingo gespielt, eines tages hatte er kein Geld zum spielen und hat ihre mutter gefragt, ob sie es ihm leihen koennte, nur dieses eine mal. Sie hat nein gesagt und selber gespielt - dieses eine mal und 2 moeblierte Appartments gewonnen! Das eine hat sie verkauft und dafuer ein Auto gakauft, in dem anderen wohnt sie jetzt, das war vor 2 Jahren und sie hat mit erzaehlt, dass es immer noch wie ein Traum fuer sie ist und sie es manchmal nicht glauben kann, wenn sie am morgen aufwacht... - auch das kann Brasilien sein.

In einem der naechsten Briefe werd ich dann was zu den Religionen allgemein erzaehlen, denn das ist sehr interessant, jedoch fehlt mir noch der rechte Durchblick. Es gibt alte Riten, wie Candombl, Baptisten, auch Protestanten, Charismatiker und andere Mischformen.


ich trinke gerade kokoswasser, hat etwa die faebe von wasser
nur etwas trueber und ist suess. laesst man die nuss laenger
am baum, wird aus dem wasser immer mehr festes kokos.

Auch will ich mehr ueber das Schulsystem erzaehlen, denn um die Probleme zu verstehn, die die kinder und Erwachsenen hier haben, sollte man schon wissen, warum sie nicht schreiben oder lesen koennen, denn der Grund ist sicher nicht, dass sie weniger intelligent oder duemmer sind. Hier besuchen die meisten Kindfer die staatlichen Schulen - Schulen, fuer die der Bundesstaast Rio Grande do Norte zustaendig ist.
Im Prinzip besteht Schulpflicht, aber niemand prueft nach, ob ein Kind kommt ode nicht, also gibt es so gut wie keine Schulpflicht. Ich habe vor mit der Leiterin im Casa Crescer (Joselia) einmal eine der Schulen hier in Me Luiza zu besuche, bis jetzt ging es zeitlich noch nicht... ich weiss nur aus den Erzaehlungen, dass zum Beispiel der Portugiesischlehrer dieses Jahr noch nicht aufgetaucht ist (sprich seit 2 Monaten gibt es keine Portugiesischstunden) Es fehlt an Stuehlen, Material, Lehrplan... eigentlich an allenm. Nun hab ich gestern das Gegenteil gesehen, da war ich an einer anderen Schule hier in der Stadt, sie heisst Cefet, ist ein Modellprojekt der brasilianischen Regierung, sie hat in jedem Bundesstaat eine solche Shcule errichtet. Nach 8 Jahren Grundschule (ca 14 Jahre) kann jeder einen Aufnahmetest na dieser Schule machen. Dann ist der Besuch gratis. Wenn man den Test besteht hat man wirkliche gute Aussichten. An der Schule kann man naemlich sowohl Abitur machen, als auch einen Beruf erlernen. Das heisst, es gibt klassenzimmer, wo man maurern lernen kann, sanitaerinstallationen, usw... die Maurerschueler haben auch beim Hausbeuprojekt SOPAPO mitgeholfen... es gibt ein Sprachenzentrum mit Franzoesisch, Spanisch, Japanisch, Italienisch, Englisch... bloss kein Deutsch. So wie ich mitbekommen habe, gibt es in Natal nur einen Deutschlehrer und der ist eher nichts. Informatik, ein Gebaeude bloss fuer Kunstunterricht, ein Sportstadoin, Schwimmbecken... und einen Campus wie man ihn aus Beverly Hills kennt. Das interessanteste fuer mich war die sozialarbeit an der schule, es gibt 3 angestellte Sozialarbeiterinnen, die vor ort sozialarbeit leisten, also bei der immatrikulation geben die schueler alle ihre daten an, wo sie wohnen, wieviel die eltern verdienen, wie der Zustand des Hauses ist etc... und die Sozialarebiterinnen schauen, dann, welche schueler und familien hilfe benoetigen, finanziell, psychologisch... das war sehr interessant. Ausserdem kannman sozialarbeit lernen, und die schueler machen bei projekten mit, es gibt einen altenclub in der schule und ein projekt mit kindern...
Die Sozialarbeiterin, die das Altenprojekt betreut, wird auch im Altenheim hiert in Me Luiza arbeiten, ich freu mich schon darauf, viel von ihr zu lernen.
Ich konnte dann auch eine Austauschschuelerin aus Muenchen kennenlernen, die dort die 11. Klasse besucht, aber es war nicht so toll mit ihr zu sprechen, sie hat sich wenig interessiert fuer Me Luiza oder soziale Fragen, sie wohnt hier bei einer Familie ueber das Austauschprogramm AFS und hat fuer 11 Monate 10.000 Mark bezahlt, was ich schon eine menge Geld finde. Noch zu der Schule... sie ist sehr gut, aber auch hier faengt der Staat schon wieder zu sparen an und es fehlen Lehrer etc... auch hat der Bundesstaat Rio Grande do Norte eben nicht die lust die staatlichen Schulen zu reformieren... ich glaube, das Geld waere da, bloss verschwindet es in anderen Kanaelen. Es sind andere Organisationen, die sich um Bildung bemuehen, z.b. die groesste Oelgesellschaft Petrobras, die eigene Programme zu bildung und Gesundheit hat. Zu Me Luiza: Mit der Arbeit pendelt sich jetzt schon alles ein, viel neues kann ich nicht erzaehlen, wir bemuehen uns, dass Bruce in eine Schule fuer Kinder mit Behinderungen kommt, aber es gibt eine lange Warteliste und die Oma will noch nicht so richtg, weil der Weg lang ist... und sie will den Jungen lieber in einer Einrichtung mit normalen Kindern sehen.

Viel Aufsehen und Diskussion erregt im Moment auch ein Projekt, das Miriam Bader, eine Deutsche, die schon oefters hier war, iniziiert hat. Es heisst "S.O.S Buduf" und ist fuert einen Jungen, der hier in Me Luiza bei seiner Tante wohnt und deren Haus ist in einem miserablen Zustand, auch gesundheitlich nicht tragbar etc... fuer diesen Jungen hat Miriam ein Hilfsprogramm, also Spendenprogramm gestartet, damit man das Haus renovieren kann, neue Kueche, Bad, neues Dach, etc... Manche finden es gut, aber es gibt auch Gegenstimmen, weil es eben nur fuer einen Jungen ist und nicht mal fuer das Haus seiner Mutter, sondern der Tante... und viele sind eifersuechtig, es gibt schon Streit in der Familie, weil es um Geld geht... und die mutter sehr krank ist und sich nicht kuemmern kann. An sich eine gut gemeinte sache und sicher auch noetig, aber ob sie zum ersehnten ziel fuehrt??? Ich weiss es nicht, Miriam wird es nicht wissen... es ist einfach auch schwirig, die situation nicht anders aendern zu koennen, als mit geld. Das tolle an der partnerschaft ueber sabino ist, dass das geld fuer eine sache ist, und allen zu gute kommt, jeder kann ein stueck von dem kuchen essen, wenn er will... und es wird gegessen, jetzt gibt es viele Bildungsangebote, die Sabino zusammenstellt, man kann einen schulabschluss am centro nachmachen, in kursen, die professore von andern schulen gratis geben. in der mittagspause, am abend und am samstag, eine sehr gute sache, unterstuetzt auch vom staat.

Erholung
Letztes wochenende haben wir an einem wunderschoenen strand namens zumbi verbracht, ein kleines fgischerdorf etwa 90 kilometer von natal... fuer diese 90 km haben wir mit dem bus 3,5 stunden gebraucht, abenteuerlich ueber rote sandpisten mit wasserlacken gebrettert, so macht reisen spass. Gewohnt haben wir bei einer freundin von rosi (s. Foto), es war ein ganz einfaches, armes haus, die leute haben auf dem boden geschlafen, damit wir in der haengematte schlafen konnten... es war wirklich toll.
Abends waren wir bei einem fest, wo natuerlich auch forro getanzt wurde, da kommt man nicht herum. Aber da unser forro doch noch etwas langsam und einfach ist, haben steph und ich zusammen getanzt, denn mit maennern klappt es einfach noch nicht so gut /// muss ein nettes bild gewesen sein, 2 europaeerinnen inmitten der tanzenden brasilianerschar. Auch waren wir mal wieder im theater bei romantischer brasilianiscer musik, das theater ist hier in der stadt und sehr europaeisch im stil, es ist wunderschoen mit offenem innenhof... Danch haben wir 1 stunde auf den bus gewartet, aber alles was kam waren pferde... ja, es war mitten an der hauptstrasse und dann kam ein pferd nach dem anderen mitten auf der strasse, wo die busse vorbeirauschen... ich hab sie alle schon tot gesehn. Aber die busse konnten alle bremsen und hupen... glueck gehabt... keine ahnung, wo die pferde ausgerissen sind. Hier in mae luiza ist es normal, dass pferde und esel alleine rumlaufen, muell fressen... aber in der stadt hatte ich es noch nie gesehen.

So ich koennte noch viel mehr schreiben, aber fuer heute ist's genug....wer fragen hat: fragt!

Zum Schluss noch was zum Nachdenken, das mir hier in die Haende gekommen ist: Wenn man die Weltbevoelkerung auf ein Dorf von 100 Einwohnern reduzieren wuerde, wuerden die Proportionen aller lebenden Menschen etwa so aussehen:
In diesem Dorf wuerden leben:
57 Asiaten
21 Europaer
14 Amerikaner (Sued/Zentral/Nord)
8 Afrikaner

es waeren
52 Frauen und 48 Maenner
30 Weisse und 70 nicht weisse
30 Christen und 70 nichtchristen
89 heterosexuelle und 11 Homosexuelle
80 wuerden in den schlechtesten Haeusern wohnen
70 waeren Analphabeten
50 litten an Unterernaehrung
1 wuerde im Sterben liegen
1 wuerde geboren werden
1 wuerde einen Computer besitzen
1 (j nur einer) wuerde einen Universitaetsabschluss haben

ich weiss nicht, wie fundiert diese Zahlen sind, aber es koennte in etwa stimmen.

viele gre!!

moni

 

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