Von: monika [mailto:faentchen@gmx.de]
Gesendet: Mittwoch, 27. Juni 2001 18:07
An: barbara aigner
Betreff: Newsletter # 7


Lang lang ist’s her, dass die letzten Meldungen von Mãe Luiza rausgegangen sind in die weite Welt...

Jetzt kehrt also wieder der Alltag ein, Maria (Burgl) und Ansi haben mich wieder alleingelassen (sie haben nicht einmal gefragt, ob ich mitfliegen will) Also sitzt ich im immer mal wieder nassen Mãe Luiza und hoffe, dass der Computer bei Sinnen bleibt... denn er ist mir heut schon 2 mal abgestuerzt, das aergert, schafft aber auch Routine im Anschalten.

Nun, da werd ich erst mal kurz was ueber unsere Reise loslassen, von der ich mich ja kurz aus Salvador gemeldet hatte. Wir haben Ansi und Burgl mitten in der Nacht dort vom Flughafen abgeholt und haben uns mit ihnen auf den Weg nach Chapada Diamantina gemacht... 7 Stunden Busfahrt, auf einer Strecke, dass einem gerne schlecht wird auf der Hinterachse... ich glaube, dass wir in diesen stunden auf jeden Fall sehr viel gelacht haben! Residiert haben wir in Lençois, einer Pousada, die uns sehr gut gefallen hat, besonders, wenn es Strom gab. Denn auf Grund der Rationierung der Energie in Brasilien, gab es Stundenweise immer nur in der einen Hälfte der Stadt Strom und man konnte nie wissen, wann er geht und wann er kommt... aber probiert es doch mal selber aus im Dunkeln kalt zu duschen...
Aber das Tagesprogramm hat alles wieder wett gemacht, Wasserfaelle, Hoehlen, Grotten, Berge, Ruhe... das war es, was ich gesucht und gefunden habe in dieser wunderschoenen Landschaft. Auch haben wir uns auf Pferde geschwungen, die manchmal nicht so ganz verstanden, was steph und Ansi von ihnen wollten... naja, schade, das ihr nicht gesehen habt, wie die beiden mit ihren suessen davon sind... Von dort sind wir wieder zurueck nach salvador, wo man bayrischsprechende Brasilianer treffen kann... ich glaub, der hat besser gesprochen als ich...

in salvador gab es jedenfalls die besten fruchtcocktails und denen koennen ansi und burgl es auch verdanken, dass sie in den genuss kamen, mich und steph Forró tanzen zu sehen.


Von Salvador auf nach Olinda, 12 Stunden Busfahrt in einem Nobelbus, mit Suessigkeiten, Liegestuehlen, Zudecke und Kopfkissen und einer schrecklichen musik ueber den Lautsprecher... nun ja... auf dem Weg von der Rodoviaria nach Olinda bekommt man dann auch schon einen guten eindruck von den Armenvierteln hier in Brasilien, die wirklich am Rande jeder Grossstadt existieren, es ist schrecklich zu sehen, wieviel geballte Armut es gibt und alle Viertel aehneln sich... viel zu viele Menschen leben hier in Brasilien in schlecht akzeptierbaren Zustaenden... und da wurde mir wieder bewusst, auf welch gutem Weg Mãe Luiza ist. Von Olinda aus sind wir mal an einen Strand gefahren und zwar existieren hier so kleine Kombis, die den Personennahverkehr erweitern... neben Omnibus gibt es eigentlich keine Verkehrsmittel. Diese Kombis gelten als schneller und bequemer... naja, zeitweise waren wir zu 19 in so einem kleinen Bus... da faehrt immer eine Art Locker mit, der aus dem Fenster ruft, wo der Kombi hinfaehrt und ob man mit will. Dieser in unserem Kombi war jedenfalls schrecklich, immer weieder hat er angehalten, leute dazu gebracht einzusteigen... die kinder waren quasi aufgestapelt und der Bus eh so klein und alt... es war ein Erlebnis aber ich hab mich auch geaergert, dass der Typ einfach immer mehr leute eingeladen hat und die fahrt unendlich lang gedauert hat. Und kaum waren wir am strand hat es erst mal geregnet... winter halt (aber haetten wir damals gewusst, wieviel wasser vom himmel kommen kann...)
Und von Olinda ging es wieder nach Natal und als wir hier ankamen war es auch erst mal gut heiss. Und am Abend unsres Ankunfttags war das Fest vom Centro hier fuer São João geplant, bei dem an die Geburt von Johannes dem Taeufer erinnert wird... und es kam weihwasser genug vom himmel... genug... und um noch einen trumpf aufzusetzen ist fuer ueber 1 Stunde der Strom weggeblieben im ganzen Viertel... nur der Leuchtturm hat geleuchtet. Also sassen wir die Zeit ab... ohne musik war die stimmung weg... pronto. Es folgten viele Tage im Regen, mit Loechern im Dach...

Sonntag abend haben wir wohl das highlight erlebt... am abend waren in der stadt, quadrilla anschauen, den traditionelle tanz von São João... um 10 sowas sind wir heimgekommen und es schien, als ob im Haus Licht brennt... und es brannte in Steph’s Zimmer... bald haben wir gesehen, warum. Der Einbrecher hat Licht gebraucht... wir haben ihn ueberrascht, ich hab ihn noch im Garten gehoert und bin ihm nach, da ist er ueber die Mauer gefluechtet (wobei er unser Beweismittel verloren hat... eine Sandale war auf den Stacheln der Mauer (gegen Einbrecher) haengengeblieben)... Steph ist ihm auf der Strasse noch nach, doch er war schneller... durch das Gebruell sind die nachbarn herausgekommen und schon war die hoelle los... die jungs auf der strasse wollten nicht sagen, wer es war, steph ist zu Franziska, von wo sie sabino angerufen hat, der alles am naechsten tag regeln wollte...
Das hat den nachbarn aber zu lange gedauert sie wollten action und haben die polizei geholt... doch zuerst wurde der Tatort besichtigt... haetten wir eintritt verlangt, waeren die gestohlenen 15 Reais (umgerechnet 15 DM) bald wieder drin gewesen. Der Junge ist naemlich durchs Dach im Bad eingestiegen, hat die Ziegel abgedeckt und ist spaeter durch die Hintertuer gefluechtet. Also weggekommen ist nicht viel, der Walkman von steph, etwas geld und im nachhinein meine sonnenbrille und ein Film, was ich aber erst spater gemerkt habe. Auf grund des schuhs konnten die nachbarn uns sagen, wer es war, was wir uns eigentlich schon gedacht hatte, es war einer der nachbarsjungen, der schon oefter ins haus eingestieegen ist, als noch andere dort gewohnt haben.
Nun die polizei kam also und hat sich das Loch kurz angeschaut, doch dann haben sie sich eher fuer Burgl interessiert, woher sie ist, ob sie Fussball mag, ob sie portugiesisch spricht... Steph hat gesagt, dass sie den Namen weiss, aber das hat sie einfach nicht so interessiert wie der Anblick von Burgl, ich haette mich echt ablachen koennen, wenn es nicht auf der anderen seite so nachdenklich machen wuerde... klaro, dass hier 4 Auslaenderinnnen in einem Haus in mitten von M.L. wohnen, ihr Geld und Wertsachen besser verstecken sollten und eh Glueck hatten, dass nicht mehr wegkam, aber so ein Desinteresse!?!?!!??
Sabino kam am naechsten tag, hat mit der mutter des jungen geredet, entweder er bringt die sachen bis mittag, oder er bringt ihn vor gericht... also wurde der walkman gebracht... und weil der Typ anscheinend echt einen guten geschaeftssinn hat, hat er noch die Ohrhoerer gegen schlechtere getauscht... Einen tag hatten wir also eine natuerliche Dusche beim auf’s Klo gehen... haetten wir gewusst, dass uns das mal fehlen wird, haetten wir uns vielleicht darueber gefreut... doch dazu spaeter...
Also zu dem einbruch... ich erzaehle es vielleicht gerade deswegen, weil ich keine angst habe, dass mir hier etwas passieren koennte... denn wir kennen die familie, Sabino kennt sie sehr gut und im grunde sind es sehr arme Kinder. Es sind so ca. 8 kinder, der Vater trinkt und schlaegt die Kinder viel, oft fuer alle sichtbar auf der strasse... die kleinste hab ich erst gestern im muell wuehlen sehen... und jetzt wo es regenet sitzen die kleineren jungs in der frueh in decken gewickelt auf der strasse... ich will gar nicht entschuldigen, dass sie stehlen, denn das find ich nicht in Ordnung, doch dieser aelteste ist auch stark in drogengeschaefte verwickelt, und bis jetzt hat es noch niemand geschafft, dieser familie zu helfen. Die mutter wuerde es gerne aendern, hat aber selbst nicht die Kraft und auch die Liebe, um die kinder irgendwie zu bestaerken. Sabino sagt, wenn diese Mutter selber keine Liebe erfaehrt, wie kann sie dann Liebe weitergeben, selbst wenn sie es wollte - schwierig... aber solange sie „nur“ ans geld wollen und mir nicht mit Gewalt entgegentreten... habe ich keine angst und ihr muesst euch auch keine Sorgen machen!!

Jedenfalls waren wir dann noch ein paar Tage ohne fliessendes Wasser hier im Haus, d.h., zum Duschen zur Schwester Franziska und fuer sonstige Klogaenge wurde das Wasser Eimerweise aus einer Tonne hinter dem Haus geholt. Das mit der Wasserversorgung funktioniert hier irgendwie merkwuerdig, jedes haus hat eine Wasserbox auf dem Dach und dort wird von Zeit zu Zeit Wasser reingepumpt... da wir nun aber eine sehr kleine Box haben und ausserdem zu 4 im Haus waren, war sie wohl schneller leer.
Und von der stromgesellschaft haben auch wir ein Schreiben zur Rationierung bekommen, wir koennen jetzt monatlich 89,00 kwh verbrauchen, das sind taeglich 2,96... ich weiss gar nicht, ob es viel oder wenig ist, aber ich denke eher wenig, denn die Daten richten sich nach den Monaten Juni, Juli und August von 2000 und da waren glaub ich nur 2 Personen im Haus. Wenn man mehr verbraucht muss man halt ordentlich draufzahlen und wenn diese Sparmassnahmen nicht fruchten, dann wird eben stundenweise abgeschaltet.

Am Samstag ist dann endlich die Sonne rausgekommen und mit 2 Deutschschuelerinnen von mir (sie sind nicht au Mãe Luiza, haben eigene Autos und mehr Geld) sind wir nach Touros gefahren, ein Strand etwa 100 km von hier. Dort haben wir einen Leuchtturm (nein es waren 1,5) gesehen, viel Strand, lecker gegessen und sind am Nachmittag noch nach Genipapu einem anderen bekannten Strand hier...d as war jedenfalls ein sehr schoener Tag zum Entspannen und viel Essen. Am Abend haben wir dann in der Messe zur Kommunion gesungen, das fand ich echt gut und Sabino hat sich auch mal ueber andere Musik gefreut.
Ansonsten war das ganze Wochenende São João, was ich kurz ein bisschen umreissen will: Es ist das Fest von Johannes dem Taeufer, ein Fest in der Trilogie der Junifeste, welche umfassen: Santo Antonio, São João und São Pedro. Zu diesen Festen wird traditionell alles gegessen, was mit Mais zu tun hat und Quadrilla getanzt.
Eine Quadrilla umfasst eine Tanzgruppe von ungefaehr 30-40 Leuten und dauert 30-40 Minuten. Es ist eine Art Volkstanz und die Taenzer und Taenzerinnen sind verkleidet, wobei es feste Figuren gibt: die Braut und den Braeutigam, die Eltern der Braut, Pfarrer und Schwester, Polizist und Soldat, Koenig und Koenigin, Prinz und Prinzessin und einige mehr. Das ganze beginnt mit dieser Geschichte, die gespielt wird. Ein Maedel (die Braut) kommt zu ihren Eltern, weint, weil sie schwanger ist und der Mann, von dem das Kind ist, sie nicht heiraten will. Der Vater holt die Polizei und den Soldaten und diese fangen den Mann. Er wird zum Pfarrer gebracht und gezwungen, die Braut zu heiraten, doch er sagt nein und fluechtet schon wieder. Wieder holt ihn die Polizei, schleppt ihn vor den Priester unnd diesmal sagt er „ja“ und sie werden zu Mann und Frau erklaert und dann wird getanzt.
Geschichtlich ist das so begruendet, dass Johannes der Taeufer eben auch Patron der Ehe, der Taufe ist. Und frueher war es Pflicht, dass ein Mann eine Frau, die er geschwaengert hat, heiraten muss. Es muss immer Mann und Frau sein, deshalb auch die ganzen Paare in der Quadrilla. Mit diesem Fest und dem Tanz wurde den Leuten gezeigt, wie wichtig die Heirat ist, dass sie ein Muss ist... und bis heute lieben die Leute diese Quadrillas, es gibt Wettkaempfe, tolle Kostueme... aber nach der ersten Quadrilla im Casa crescer hat es mir auch schon wieder gereicht... ist nunmal nicht meine Tradition.
Ausserdem hat mich die musik um einige kostbare Stunden Schlaf gebracht, denn trotz Stromrationierung liefen die Musikanlagen auf Hochleistung. Naechstes Wochenende geht es mit São Pedro weiter...juchuuu

Aber abgesehen von den Festen bin ich bei der Arbeit schon wieder viel Unaussprechlichem begegnet, es gab einen Fall von Missbrauch einer jungen Frau der Behindertengruppe erst gestern abend... und der regen setzt vielen Familien in den schelchteren Haeusern ziemlich zu, wenn man die Haeuser betritt riecht es schrecklich und vieles modert...

Positiv ist, dass jetzt am Montag neue Kurse anfangen im Centro, es sind Kurse, die Sabino erreicht hat in Kooperation mit einer Art Arbeitsamt, das heisst, dass die Kurse ein staatliches Abschlusszeugnis bekommen werden. Es gibt Informatik, Word, Excel, Corel... erstellen von Internetsites (wir haben 16 Computer vom Lateinamerikainstitut in Bonn bekommen) Altenpflege, Englisch, Massage, Verwaltung... deshalb ist hier die Hoelle los und alle schreiben sich ein und fragen... es ist toll, das Interesse an den Kursen zu sehen.

Und mit diesem positiven Aspekt moechte ich schliessen, sicher gaebe es noch viel vom Urlaub zu erzaehlen, doch ich hoffe, dass Ansi und Burgl ein bisschen was fuer die Seite schreiben...

Nada do que foi
Será novo do jeito que já foi um dia
Tudo passa, tudo sempre passará

Nichts was einmal war
Wird wieder so sein, wie es eines Tages war,
Alles vergeht, immer wird alles vergehen.

Lulu Santos

Mãe Luiza im Juni

Eure Moni

Mail an Babby | #1 | #2 | #3 | #4 | #5 | #6 | #7 | #8 | #9 | #10 | #11 | #12 | #13 | #14 | #15