Von: monika [mailto:faentchen@gmx.de]
Gesendet: Dienstag, 30.10.01 14:26
An: barbara aigner
Betreff: Newsletter # 12


Oktober 2001

Oi gente! Hallo Leute!

Tag des Newsletters!

Tag des Kindes, Tag des Lehrers, Tag der Grosseltern ... , viele Tage habe ich mal wieder verbracht. Dem Tag des Kindes am 12.10 folgte gleich eine ganze Woche voll Festen in Einkaufszentren, an Plätzen...die Süssigkeitengeschäfte hatten Hochkonjunktur. Die Kinder waren total schick rausgeputzt, in den Schulen gab es Feste, Spiele und viele ruhiggestellte Fotos, was heisst, dass sich alle vor einen toll geschmückten Tisch stellen und so verkrampft lächeln, dass sie eher wie Puppen erscheinen und es jedes Jahr gleich aussieht...gehört aber irgendwie dazu. Tag des Kindes, sowie Tag des Lehrers waren freie Tage, was bedeutete, dass ich ein langes Wochenende hatte, das ich auf einer wunderschönen, ruhigen Insel verbracht habe, aber dazu später.

Noch einen freien Tag gab es, nämlich letzten Montag, ein staatlich angeordneter Feiertag für den Nordosten Brasiliens. Es ist der Plan B des Stromsparens eingetreten. Das eigentliche "nur Sparen und dafür mehr zahlen" hat nicht den gewünschten Erfolgt gebracht, also nicht genug eingespart. Plan B besteht nun aus der Sommerzeit und aus 3 zusätzlichen Feiertagen dieses Jahr. Den ersten hatten wir jetzt, es haben sogar einige Krankenhäuser zugemacht(!?), bloss die grossen Supermärkte hatten offen. In den Medien haben sie von 25 % Einsparung an diesem Tag und einem grossen Erfolg gesprochen. Auch die Sommerzeit ( eine Stunde vorgestellt) soll gaanz viel helfen. Seit 5 Jahren gibt es wieder die Sommerzeit, letztes Jahr wurde sie auch ausprobiert, aber nach einer Woche wohl wieder abgestellt, weil die anderen Staaten nicht mitgezogen haben. Ich finde es besser, weil in der Früh das Licht noch angenehmer ist und es auch am Abend jetzt bis fast halb sieben hell ist. Wer allerdings früh aufsteht (so wie Sabino um halb 6 zum "walken")klagt , weil es da noch dunkel ist.

Meine Wochenenden sind jetzt so richtig schöne Kurzurlaube zu den paradiesischten Plätzen. Wie gesagt, ein Wochenende auf galinhos, einer Insel 3 Stunden von Natal entfernt. Dort war es so endlos ruhig, keine Autos, nur viele Esel-und Pferdekarren. Idylle pur, um 5 nachmittags kamen die Fischer vom Fischfang heim und wir haben ganz frisch und billig Superfisch gekauft...und auch gelernt ihn auszunehmen und die Schuppen abzuschaben. Und die Fischer sind so tolle Leute, so einfach und lieb, sonnnengealterte Haut, keine Zähne mehr im Mund, aber jede Menge Schalk in den Augen, wenn sie von den gefährlichen Abenteuern auf See erzählen. Wir waren am Tag der Zeitumstellung dort und wollten um 9 in die Kirche gehen, weil wir im Haus der Kirchenpflegerin gewohnt haben. Also waren wir um 9 dort, um halb 10 immer noch und um 10 hat dann die Messe begonnen, obwohl über Lautsprecher die Bevölkerung aufgerufen und informiert wurde. Die ganze Messe wurde dann auch nach draussen übertragen, das Tolle war, dass die Assembleia de deus (eine evangelische Kirche) dasselbe getan hat, also ihre Messe auch über die Insel schallen lies, die beiden Kirchen standen ca. 30 Meter auseinander, ich habe also praktisch an 2 Messen teilgenommen.



Sonnenaufgang um 5 Uhr früh auf Galinhos.

Dort gab es auch kein fliessendes Wasser, wir haben das Wasser vom Nachbarbrunnen geschöpft, was recht anstrengend war, aber so geht man wenigstens sparsamer mit dem Wasser um...ganz schön traurig, wenn man im gleichen Moment dran denkt, dass in Deutschland sogar mit Trinkwasser das Klo gespült wird, das Auto geputzt wird....

Als wir wieder nach mãe luiza kamen, hatte ich mich schon richtig auf eine Dusche gefreut - naja, dann gab es dort auch mal wieder kein Wasser. 10 Tage waren dann einige Strassen ohne Wasser. Das hat sich wirklich auch bei den Besuchen bemerkbar gemacht, in einigen Häusern hab ich es nicht augehalten, zum einen wegen des Gstanks, zum anderen wegen der Hautkrankheiten einiger Kinder. Einer der Schwerstbehinderten hier ist in dieser Zeit gestorben, niemand weiss woran, aber seine Haut war 2 Tage davor eine einzige Kruste.
Es war auch das erste mal, dass ich Schlangen gesehen habe, um bei anderen Häusern Wasser zu holen. Wasser zum Duschen, zum Klospülen, zum Abwaschen, zum Wäsche waschen, Kochen usw...wir haben Gott-sei-dank einen Wassertank im Hof, aus dem auch einige Nachbarn geschöpft haben. Der Grund für den Wassermangel ist nicht so ganz klar, die Stadt sagt, dass ein Rohr gebrochen ist, allerdings glaub ich nicht, dass die Versorgung über nur ein einziges Rohr läuft.

Letztes Wochenende war ich auf dem Festa do boi, eine Art Kuhfest...naja, ich versuch es mal besser zu erklären. Bisschen ausserhalb der Stadt Natal gibt es einen Park, der extra für dieses Fest gebaut wurde. Das Fest findet einmal im Jahr statt und dauert 1 Woche, ich würde es mit der Wiesn in München vergleichen, ungefähr derselbe Stellenwert, aber es ist anders. Dort gibt es Stallungen für Kühe, Pferde, Schafe, Ziegen... Da gibt es auch Zuchtprämien etc... Dann gibt es den Vergnügungssektor mit Riesenrad, Fahrgeschäften, Glücksspiel....und ESSEN und TRINKEN. Und den geschäftlichen Sektor mit Ständen, Waren und Maschinen...was der Bauer und Cowboy (heisst hier vaqueiro) eben so braucht. Bis in die tiefe Nacht kann man also Kühe streicheln, die mir allerdings schon sehr leid getan haben. Während die Tiere nicht schlafen konnten, haben die "Knechte" ihre Hängematten zwischen den Stallpfosten gespannt und geschlafen bis zum Morgengrauen um dann die Kühe zu melken und die Milch an die wartenden, übernächtigten Besucher zu verkaufen. Ich habe noch nie so viele Menschen auf einem Fleck gesehen (abgesehen von der Wiesn) aber es war schön.

Oh und einen wunderbaren Moment hat mir das Leben hier geschenkt...die Universität ist immmmmernoch im Streik (und zwar, weil der Staat Studiengebühren einführen will und dann noch weniger die Chance auf ein Studium hätten). Jedenfalls gab es hier in Mãe Luiza einen Samstag mit der Uni, d.h. die Universität hat Workshops angeboten den ganzen Tag über für die Bevölkerung. Am Abend dann gab es eine halbe Stunde vor der Messe ein Streichquartett, darunter der Dirigent des Staatsorchesters von Rio Grande do Norte. Also klassische Musik - hört sich jetzt vielleicht wenig spektakulär an, aber als ich in der Kirche von mãe luiza sass, draussen der Lärm, alles so einfach und dann da vorne 4 Männer und es erklingen Melodien, die ich kenne, claire de la lune, ein Walzer, auch brasiliansiche Kompositionen, ich war einfach nur total verzückt und glücklich...und am Ende gab es Standing Ovations der Bevölkerung, einige haben sicherlich das erste mal den Klang einer Geige gehört.

Mãe Luiza an sich kommt mir im Moment sehr unruhig vor, ein Centro (nicht das von Sabino) wurde renoviert und jedes Wochenende gibt es dort jetzt Feste, meistens von 11 am Abend bis 3 in der Früh, was man im Haus recht gut hört. Die letzten Feste gab es danach immer Streit, das heisst es fallen Schüsse, Geschrei....letzen Samstag war es besonders schlimm, nach dem Fest gab es Schreie, Gebrüll, dann ist jemand unsere Strasse raufgelaufen, Irma Francisca, die auch in unserer Strasse wohnt hat gehört, wie er schrie " jetzt hol ich meine...na warte nur" kurz danach noch mehr Schüsse, Geschrei, Polizei... In der Früh gab es dann den Katastrophentourimus, es muss sich genau vor der Kirche ereignet haben, denn die Mauer ist voller Blut, der Boden davor auch, so richtig ernst kann ich gar nicht drüber nachdenken, was passiert ist. Das Opfer jedenfalls ist bei manchen schon gestorben, bei manchen im Koma...man redet halt. Ich jedenfalls vermeide öffentliche Feste, vermeide abends zu fuss herumzuspazieren, und habe so auch keine Angst. Aber einige sagen, dass es die nÄchsten Wochenenden wohl so weitergehen wird, weil eine Drogenbande, die geflüchtet war, gerade zurückkommt und es an Mauern schon so Nachrichten wie : "diese Woche wird dein Leben enden!" etc...gibt, es sind Drogenkriege. Und warum erzähl ich das? Weil es ein Teil der Realität ist. Die Menschen leben mit der Gewalt, die Kinder wachsen mit diesen Geschichten, mit dem Blut auf dem Boden auf. Im Kindergarten, in den Schulen müssen die Lehrer damit umgehen können, es darf und kann hier kein Tabu sein. Hier können sich die Dinge von einem Tag auf den anderen ändern, auch Menschen, gestern noch Bandit, heute Heiliger. Wie das funktioniert??
Es gibt eine Kirche, die eine Gruppe " Befreite durch Christus" hat. Das sind ehemalige Drogenabhängige, Banditen, Diebe, Schläger...sie bringen sich dann vor Jesus, ziehen Anzüge an , ändern von einem Tag auf den anderen ALLES. Neulich bei den Besuchen bin ich auf einen von ihnen gestossen, früher hat er viel getrunken, seine Frau geschlagen...heute steht gross an der Tür " Jesus liebt dich" überall Jesus, Bibelzitate...aber irgendwas in dem Blick dieser Männer (und Frauen) macht mich schon stutzig und so bisschen unheimlich ist mir das schon, sie versuchen mir einzureden, dass Jesus nicht mit mir ist, mich nicht liebt ( weil ich eine Kette trage..). Die Frauen dieser Kirche (heisst evangelisch ist aber nicht evangelisch im europäischen Sinne) dürfen sich nicht schminken, keinen Bikini tragen, nicht ausgehen, usw... Aber für eine zeitlang geht es gut...vor einiger Zeit gab es da so eine Massen"taufe"für Jugendliche und ganz viele sind dort beigetreten und 2 Monate klang war Mãe Luiza ruhig und freidlich...doch leider ist die Veränderung eben nicht so dauerhaft und die Mehrzahl fällt ins alte Leben zurück.
Ich weiss noch nicht so wirklich, was ich davon halte, aber wenn ein einstiger Drogenabhängiger mehr auf sich und seine Umwelt achtet, nicht mehr kriminell handelt - das ist sehr gut. So Kirchen spriessen hier aus dem Boden wie in Deutschland das Gras, die Menschen suchen Geborgenheit, jemanden, der sich um sie kümmert, ihnen sagt, wo es lang geht, wie sie ihrem Leid entkommen können. Manche verbringen den ganzen Tag damit in verschiedene Kirchen zu pilgern. Manchmal können diese Kirchen vielleicht mehr geben als die katholische Kirche, mehr Geborgenheit. Dort sind die Pastoren wirklich hinter den Gläubigen her, sektengleich, sie bestimmen über das Leben. Ich finde Sabinos Messen klasse, aber manche suchen eben etwas anderes, brauchen Verbote, brauchen Kontrolle. Das ist schwer zu erklären mit der Religion hier, sie ist viel öffentlicher, die Bibel wird stolz auf der Strasse getragen, ebenso T-Shirts mt Marienbildern, Jesusbildern...es ist eine andere Art zu glauben... Ich war mit einer meiner Deutschschülerinnen in einer evangelischen Kirche mit dem Name igreja do nazareno. Sie befindet sich in der Stadt, also nicht in Mãe Luiza. Diese Kirche kommt aus Amerika auf die Frage, was denn das besondere an dieser Kirche sei, hat Sylvania (die Schülerin) gesagt, dass es dort viel Musik und Tanz gibt, man sich anziehen kann wie man will und es ihr dort einfach gefällt. An diesem Tag war dort also eine Art Jugendgottesdienst mit dem Titel " Frühlingsnacht" . Ich finde zwar den Frühling hier nicht sehr ausgeprägt, aber doch gibt es Blumen und Bäume, die jetzt Blüten tragen. Die Kirche selber ist in einem alten Supermarkt untergebracht, den sie gekauft hat, nachdem er pleite ging. Darüber will ich aber gar nicht lächeln (obwohl die Athmosphäre für mich wenig gotteshäuslich war), denn in Deutschland oder anderen westlichen Ländern werden wohl bald die Supermärkte in die Kirchen einziehen, weil man den Kirchenraum nicht mehr braucht. Am Eingang hat man dann einen mit Krepppapier blütenhaft umwickelten Lolli mit Bibelzitat bekommen und ich war gespannt auf den Gottesdienst.
Es kam dann etwas anders. Die ersten 1 ½ Stunden bestanden teils aus Mini-playback-show ( über die Boxen wurde ein christliches Lied gespielt, die Sänger haben dazu den Mund geöffnet, das Publikum mitgeklascht und gesungen), aus Tanz ( z.B. ein Ballett, Rap, Breakdance zu christlicher Musik) und Live - Gesang ( christliche Rock/Pop-Musik). Dann hat der Pastor 2 Verse aus Psalm 19 zitiert und ein bisschen über Schmetterlinge und Blumen gepredigt. Anstatt eines Friedensgrusses gab es ein gegenseitiges Segnen, dann wurden noch 3,4 oder 5 Lieder gesungen und nah 2 Stunden war die Frühlingsnacht vorbei, wobei man danach noch im angrenzenden Jesusshop Aufkleber, Cds, T-Shirts, etc...kaufen konnte. Und ein bisschen hatte es sogar Erstkommunioncharakter....alles per Videokamera und Fotoapparat festgehalten. Es war halt Kirche, wie ich sie nicht kenne, ohne die Gebete, die ich kenne, andere Lieder, keine Kreuzsymbolik...aber die Jugendlichen waren voll dabei, die haben alle Lieder gekonnt und Gemeinschaft gelebt. Ich bin mir sicher, dass die Jugendlichen dort gute Christen sind, ohne Drogenfieber, aber mit Jesusfieber, wohl ohne grosses theologisches Backgroundwissen, aber mit Toleranz und Offenheit für andere. Man kann sich im Tanz und Gesang Gott sicher genauso nah fühlen wie in Meditation oder Rosenkranzgebet. Wäre ja schlimm, wenn man Religion nur leben und verstehen könnte, wenn man sie auch studiert hätte. Für mich selbst war es interessant dabeigewesen zu sein, aber zu hause fühle ich mich eben mehr in der Kirche, in der ich aufgewachsen bin, wo ich die Lieder und Gebete kenne, ist alles glaub ich immer ein bisschen Gewöhnungssache.

Ansonsten gibt es auch in Brasilien Milzbrandtrittbrettfahrer, aber von Hysterie ist überhaupt gar nichts zu spüren, der Krieg zieht auch kaum Aufmerksamkeit auf sich...viele stellen nur fest, dass Brasilien zwar nicht das Paradies ist, sie aber lieber hier in schwierigen Bedingungen leben als in Afganistan. Und der Krieg erweitert bisschen das Wissen über andre Religionen , also den Islam und über das Leben dort und wo Afganistan sich überhaupt befindet und wie schön der Frieden ist ( abgesehen von den Schiessereien am Wochenende ;-))

Paz und liebe Grüsse

eure moni

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