Versuch eines Besuchs oder bleibt alles anders

07.02.03
Der Flug von München über Frankfurt und Rio verläuft planmäßig, dass das nicht selbstverständlich ist, werde ich erst einige Wochen später würdigen können. Im Flugzeug lerne ich Gabriela, eine Politikwissenschaftstudentin kennen, die in Rio ein Praktikum beim Auslandsjournal das ZDF machen wird. Später denk ich oft an sie, da in Rio starke Kämpfe zwischen der Polizei, dem Militär und den Drogenbanden der Elendsviertel den Karneval überschatten. Die großen Städte Brasiliens haben ihren eigenen Krieg.


08.02.03

In Natal angekommen, werde ich von Sabino und einigen Freunden abgeholt, Stimmung gespannt bis angespannt… haben sich die anderen verändert, empfinde ich ihnen gegenüber noch so wie bei meiner Abreise? Die Luft hat wieder die gewohnte Dichte und die Sonne brennt in den Augen. Mãe Luiza - es ist wie nach Hause kommen nach einiger Zeit der Abwesenheit, vieles vertraut und zugleich wieder fremd und unerwartet.
Der Lärm, die vielen Menschen…. Sabino bringt mich zum Espaço solidário, wo Lêda, die Mutter meines zukünftigen Patenkindes auf mich wartet. Das erste mal sehe ich Lucas, das Kind, er ist sehr groß für seine 9 Monate, hat recht klare Haut und ist einfach süß und ganz fröhlich. Ich quartiere mich bei Lêda und Fernando (dem Vater) ein. Sie haben ein kleines Haus gebaut, Schlafzimmer, Küche, Bad und Wohnzimmer. Mein Platz ist die Hängematte im Wohnzimmer. Am Abend ist gleich Messe, ich treffe wenig gealterte Gesichter, alles wie eh und je und eine große Freude. Unzählige Namen, deren Erwähnung ich auslasse, da ich selbst keinen Überblick wahren kann. Es folgen etliche Gespräche, die ähnlich begannen. "Du bist zurückgekommen!" Anscheinend hatte es niemand geglaubt. Ich selbst fand es auch merkwürdig, dass ich weg war.


09.02.03

Mãe Luiza hat einen neuen Strand, dort wo hohe Apartmenthäuser errichtet werden, wurde die ehemalige Steinküste mit Strand aufgeschüttet, der Name des Strandes ist offiziell MIAMI, doch die Mãe Luizaner nennen ihn Praia de Oi. Oi heißt soviel wie Hallo. Strand des Hallo steht insofern dafür, dass man dort alle Leute kennt und ständig Oi sagt. Eigentlich sollte mit dem Strand der Bereich interessanter für den Tourismus werden, doch jetzt ist der Strand fest in den Händen der Bewohner Mãe Luizas. Den Sonntag hab ich dort verbracht und hatte so die Chance ganz oft "Oi" zu sagen und am nächsten Tag dann "Aua", da ich in der Sonne wohl zu unvorsichtig war.

10.02.03
Ich klapper alle Einrichtungen des Centro ab und begrüße alte KollegInnen und SchülerInnen. Pünktlich zur Hitzewelle bleibt das Wasser weg - Kübelschleppen vom Haupthahn ist angesagt. Nachmittags geht´s mit Fernando und Lucas zum Kokoswasser trinken.


11.02.03

Ich sehe das erste mal Big Brother Brasil. Globalisierung lebe hoch, so werden wenigstens alle Völker gleichmäßig mit anspruchsvollen Dialogen und Handlungen versorgt. Das Übliche. Aber es gibt auch eine Show, die ich in Europa noch nicht gesehen habe. Es ist ein reicher Mann aus Las Vegas, der jede Woche 5 Brasilianerinnen trifft und jede Woche eine in die engere Wahl nimmt. Von dieser einen, die er jede Woche wählt, lernt er die Familie kennen, die natürlich arm aber superfreundlich zum Gringo ist. Von den 10 Frauen in der Endauswahl heiratet er eine und nimmt sie mir nach Las Vegas in sein Haus, das natürlich auch gezeigt wurde. War im casa crescer und hab Photos und Briefe der Grundschule Penzberg gezeigt, Edilsa (die Koordinatorin) war begeistert von der Idee eines Austauschs zwischen einzelnen Klassen. Wir sprachen mit den Lehrerinnen und stoßen auch hier auf Interesse, sie versprechen mit der Klasse etwas zu überlegen, was sie mir dann wieder mitgeben. Am Abend lass ich mich noch die letzten Kräfte beim Capoeira rauben, ich bin stolz, dass ich mich in Deutschland verbessert habe und das auch bemerkt wurde.


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