27.02.03

Ein Tag vor Fasching - ich habe den Fehler begangen und bin in einen Supermarkt der Stadt, den Hiper Bompreço. Viele (Ganz Natal! Alle!) haben ihre Einkäufe für das Wochenende dort gemacht. Vor allem die Mittelklasse… da stand also eine Frau vor mir, eigentlich nur eine Frau, jedoch mit 3 Wägen und einem Knaben zum ein- und ausladen. Der war total überfordert mit hinten auf´s Band legen und vorne in die Tüten packen. Dann sind der Dame mittendrin noch Sachen eingefallen, da kann man dann jemanden auf Inlineskates rufen, der das noch besorgt. Im Gegenzug hat sie andere Sachen wieder befohlen aus dem Wagen zu nehmen. Nach ca. einer halben Stunde war der Zahlvorgang beendet und die Karte der Dame um über 900 Reais leichter. Das sind über 300 Euro und in Brasilien über 4 Monatslöhne eines einfachen Arbeiters. Aber der Tag hatte noch mehr zu bieten.
Ich hatte eine Einladung in eine Freikirche namens Philadelphia. Dort war um 3 Uhr nachmittags ein Gebet, bei dem ich dabei sein durfte.

Zuallererst fiel mir auf, dass rechts die Männer und links die Frauen saßen, bzw. vor den Bänken knieten. Der Ablauf war dann so, dass nacheinander jeder die Möglichkeit hatte nach vorne zu kommen, wo die "Oberen" (hauptsächlich Frauen) der Gemeinschaft saßen. Am Mikrofon konnte dann jeder entweder für andere beten, ein Lied für Gott singen, seine Bekehrungsgeschichte erzählen oder…

Ein Höhepunkt war ein Mann, der wohl für seine böse Vergangenheit Vergebung erbat und dazu die Hilfe anderer Anwesender forderte. Also kamen einige nach vorne und knieten sich vor ihn… nun ging es los, der Mann begann und mit ihm alle anderen, alle schrieen, ja flehten gleichzeitig irgendetwas vor sich hin. Wurde der Vorbeter lauter, so wurden auch die Rufe der anderen entsprechend lauter. Verwunderlich, dass alle wie in Trance vor sich hinflehten, aber dann doch gleichzeitig endeten. Später (das ganze dauerte 2 Stunden) begannen sie dann noch in fremden Sprachen zu sprechen, sie denken, es wäre japanisch, griechisch, keine Ahnung, sie haben den Glauben, dass Gott ihnen die Sprachen gibt. Als krönenden Abschluss für mich, die ich nach dieser Zeit eh schon bisschen von den Geschichten genervt war, hat eine Frau mich gefragt, ob ich nun Jesus annehmen will. Da ich mich in meiner Beziehung zu Jesus, so wie sie ist wohl fühle und nicht dieser Gemeinschaft beitreten wollte, sagte ich nein. Sie war dann etwas beleidigt und hat noch mal ihre Berufungsgeschichte erzählt und so… ich war dann echt froh wieder draußen im Rummel zu sein. Ich hab mich dann gefragt, was die Menschen schreien, wenn es ihnen gut geht, wenn sie keine Probleme haben. Ich denke, das ich der Punkt, warum diese Gemeinschaften in Südamerika so boomen, die Menschen suchen einen Ort an dem sie alles rausschreien können und um so besser, wenn andere da sind, die es verstehen und mit einem Alleluja alle 3 Sätze bekräftigen. Geheuer ist mir deren Bibelauslegung und Teufelsvertreibung jedenfalls nicht.

01.03.03 - 04.03.03
Carnaval:
Natal ist nicht unbedingt eine Faschingshochburg, deshalb fahren viele Leute in die Städte, in denen mehr geboten ist. Da das aber auch immer mit Geld für den Bus verbunden ist, können nicht alle es sich leisten. Da einige meiner Freunde zu jenen gehören und Lêda und Fernando arbeiten mussten, hab ich diesen Fasching auch in Natal verbracht. So hatte man tagsüber seine Ruhe und abends konnte man weggehen, wenn man will. Ich war beim Umzug und Wettbewerb der Sambaschulen, beim traditionellen Umzug in einem kleines Viertel von Natal mit ganz tollen Kostümen und beim Ball der kengas. Kenga ist der Begriff für einen Mann, der sich als Frau verkleidet, so gab es im Rahmen des Balles die Wahl der hässlichsten kenga. Wir als Publikum kamen wirklich auf unsre Kosten.

 

08.03.03
Tag der Frau - ob man davon in Deutschland auch weiß? Da muss man ja einen Frauentag machen… Mit Rosi und Rita entscheide ich mich noch mal zu versuchen nach Jacuma zu fahren. Diesmal haben wir zuvor angerufen wann und wo der Bus fährt. Doch als wir zu besagter Zeit an besagtem Ort ankommen, fährt der Bus erst in einer Stunde. Der Fahrer meint, die in der Zentrale hätten halt keine Ahnung. Gut, wir sind dann einfach an einen anderen Strand, Búzios, und sind dort zu einem See in den Dünen gelaufen…ich kam mir vor wie bei einer Durchquerung der Sahara, heißer Sand im Gesicht und im Kopf die Sehnsucht nach dem Wasser, das doch nach der nächsten Düne auftauchen müsste. Irgendwann war der See auch da und wir waren ganz allein im Schatten eines Baumes. Später haben wir am Meer noch Krebse gegessen, die aber eigentlich wenig Fleisch hergeben, schmecken jedoch vorzüglich. Abends war Messe und nach der Messe haben wir den Lucas Felipe getauft, oder besser gesagt Sabino hat ihn getauft.

Es ist mein erstes Paten-amt und natürlich war es ein schöner Moment, auch wenn ich danach nässer war als der Täufling. Am nächsten Tag gab es dann das große Familienessen mit Grill und Kuchen. Abends um sieben haben wir auch eine Kerze ins Fenster gestellt um für den Frieden ein Zeichen zu setzen.Ich war überrascht, doch in Mãe Luiza sind viele Menschen der Aufforderung gefolgt.

Auch hier hat man Angst vor einem Krieg, es gibt schon genug Leid auf der Welt.

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