11.03.03

Am Abend treffe ich eine alte Bekannte, sie hat viele Freunde in der Mittelklasse und besorgt z.B. oft Anwälte, die dann umsonst Fälle von Menschen in Mãe Luiza vor Gericht vertreten. Diesmal sind wir mit ein paar Justizmenschen aus Acre (einem anderen Bundesstaat) zum Pizzaessen. Aber zuerst haben wir sie in ihrem Hotel an der Küste abgeholt, es ist eines der
5-Sterne Häuser. Ich war wieder baff, die Nacht für 300 Reais, das Hotel lässt keine Wünsche offen. Jedenfalls geht es denen gut, die dort verwöhnt werden. Dadurch, dass viele aus Mãe Luiza auch in Hotels arbeiten, weiß ich allerdings auch, wie der Alltag und Lohn der Arbeiter ausfällt. Es ist wirklich Ausbeutung, wenn das Hotel gut belegt ist, müssen sie 7 Tage die Woche 10 Stunden arbeiten, ist nichts zu tun, werden sie von einem Tag auf den anderen weggeschickt ohne zu wissen, ob man sie später wieder braucht.

13.03.03
Ich habe eine Privatschule besucht, in die der Sohn einer Bekannten geht. Man zahlt dort 208 Reais Schulgeld im Monat. Dafür ist die Schule aber auch extrem… riesengroßes Gelände, Sporthalle, 2 Schwimmbäder, Kantine, Musikunterricht, viele Labors, Computerbenutzung und Nachmittagsbetreuung mit Hausaufgabenraum. Dazu gehört auch eine kleine Farm, auf der die Schüler Biologieunterricht bekommen. So Schulen entwickeln immer ein großes Gemeinschaftsgefühl, wie man es auch aus amerikanischen Filmen kennt. Die Schüler sind sehr stolz und vor allem im Sport gibt es Wettkämpfe untereinander. Die Schule befindet sich exakt unterhalb von Mãe Luiza, doch ich kenne kein einziges Kind aus dem Viertel, das sie besucht.

14.03.03
Um 9.30 Uhr ist Messe im Espaço solidário. Ich will hingehen, lande letztendlich dann aber in der Küche und helfe das Mittagessen zu kochen. Da es so gut gelungen ist bleib ich gleich zum Essen. Ich hab nette Gesellschaft, denn in der Nacht kamen 2 Schweizerinnen an, die nun 6 Monate in Mãe Luiza bleiben. So konnte ich mal wieder das bitter nötige Französisch praktizieren und zwischen Bewohnern und Neuankömmlingen übersetzen.

15.03.03
Der letzte Tag in Brasilien. Gestern haben wir ein großes Abschlussfest am Strand gemacht. Es war zwar kein Vollmond aber doch eine wunderbare Nacht. Nach anfänglichen Kontakten mit der Polizei haben wir noch mal den Standort des Feuers wechseln müssen, dann konnten wir in Ruhe feiern. Der Rauch des Feuers hatte ein Hotel in eine Wolke gehüllt, die die Klimaanlage wohl nicht verarbeiten konnte. Ein Freund hat seine Band mitgebracht und so kam ich noch in den Genuss von Pagode, Samba, Forró. Aber auch brasilianischer Rock und Pop, es war einfach richtig gemütlich und angenehm mit dem Wind, dem Meer, dem Sand, Pitu, Früchten und Fleisch am Grill.

Vormittags war ich dann doch noch mal am Strand zum Abschiednehmen vom Meer, bevor es zum Flughafen ging. Sabino konnte mich nicht hinbringen, da er Versammlung mit den LehrerInnen hatte, also haben wir ausgemacht, dass der Bus des Altenheims fährt und das gleich mit einem Ausflug verbindet.

Also haben wir 8 ältere Herrschaften eingepackt und für einige war das der erste "trip" jenseits Mãe Luizas. Das Aufzugfahren hat so auch bei einer Dame zu einem Quasiherzinfarkt geführt, es war schön, das Staunen und auch den Schrecken in den Gesichtern zu sehen. Es war nicht sehr schwer wieder zu fliegen, denn ich habe gesehen, dass der Besuch sinnvoll war und es einfach gut war, dass ich zurückgekommen bin. Es war sicher nicht das letzte Mal.

Hier bitte nur weiter lesen, wenn man nicht allzu bald eine Flugreise antritt oder so…

Doch nun beginnt der schlimmste Teil der Reise, der Flug hat eine Zwischenlandung in Recife, einige steigen aus und andere zu. Dann hebt das Flugzeug wieder ab und macht sich auf in Richtung Rio de Janeiro, wo es allerdings nie ankommen soll. Wir waren gerade mit unserem Abendessen -Lasagne- beschäftigt, 5 Minuten zuvor hat der Pilot uns erklärt, dass wir über Salvador de Bahia fliegen. Da fallen die gelben Sauerstoffmasken von der Decke - diejenigen, die uns den Beruf der Stewardess so unattraktiv machen und Mitleid erwecken. Irgendwie dachte ich zuerst, dass das wohl ein technischer Fehler ist und sie nicht hätten fallen sollen. Viel passiert ganz gleichzeitig, einige Menschen stoßen geschockte spitze Schreie aus, Kinder weinen. Als dann meine Nachbarn die Masken aufsetzen, muss ich auch realisieren, dass es wohl ernst ist und ziehe mir auch eine davon runter. Der Pilot spricht etwas über Bordfunk, dass wir runter müssen, schnell. Wir schnallen uns an, das Schlimmste ist der Herzschlag, der so laut wird, mit der Zeit schmerzen die Ohren und drohen den Kopf zu zersprengen. Ein Steward läuft mit einem tragbaren Sauerstoffgerät herum und versucht jenen zu helfen, die Probleme mit der Maske haben. Vor allem die Kinder schreien, da sie die Maske nicht aufbehalten wollen und Schmerzen haben. Die Stewardessen sind im hinteren Teil der Maschine mit irgendetwas beschäftigt, immer wieder gehen unsere Blicke nach hinten. Irgendwie gibt es bisschen Rauch, wenn man in´s Licht schaut. Ich habe Angst, dass Feuer ausbricht… man weiß irgendwie nicht, wie lange das geht, ob´s plötzlich Rums macht oder was auch immer. Jedenfalls glaubt man nicht wirklich, dass das ganze gut gehen kann. Ich habe kein Zeitgefühl mehr, konzentriere mich auf den Sauerstoff in der Maske, versuche ruhig zu bleiben. Irgendwann werden wir informiert, dass wir in Salvador notlanden, ab einer gewissen Höhe können wir die Masken abnehmen, stellen das Essen auf den Boden, halten uns fest und - landen in Salvador. Ich habe noch nie so eine Erleichterung gespürt, es ist unglaublich, die Menschen applaudieren, fallen sich um den Hals… das Flugzeug wird noch von der Feuerwehr begleitet, dann haben wir wieder festen Boden unter den Füßen. Ich höre immer noch nichts, wir bekommen Becher mit feuchten Tüchern, die wir an die Ohren halten, helfen tut´s aber nicht. Nach einiger Zeit werden die ausgerufen, die nach Frankfurt geflogen wären. Wir sind 5 Deutsche und bekommen einen Flug nach Madrid, noch am selben Abend. Da das noch dauert dürfen wir noch einen Essensgutschein einlösen und kaufen eine Pizza, auf die dann doch keiner Appetit hat. Mit mulmigem Gefühl geht es mit der Maschine nach Madrid, es geht mir soweit gut, aber schlafen kann ich nun wirklich nicht. Von Madrid ging´s nach Frankfurt, von da nach München. Mit doch nur 2 Stunden Verspätung lande ich in München, freue mich auf zuhause. Doch zuerst einmal fehlt ein Gepäckstück, also muss ich noch die Erklärung schreiben, es dauert natürlich. Ich will Ansi Bescheid sagen, dass es noch dauert und hab Grund zur Riesenfreude, denn Vincent ist auch da… Jetzt hab ich´s eilig und will nur noch raus… Doch weit gefehlt. Der Zollbeamte hat grad nichts anderes zu tun und winkt mich auf die Seite. O.K. Das heißt er öffnet mein ganzes Gepäck, für den entströmenden Duft entschuldige ich mich noch, er macht ja auch nur seine Arbeit. Nein, ich habe keine Pflanzen, keine tierischen Produkte, keine Tiere dabei. Ob mir jemand Fremdes was ins Gepäck hat? Ob ich Geschenke dabei hab für Personen, die ich nicht kenne. -Nein- Ja, ich habe Alkohol dabei und Früchte, doch in erträglichem Maß, ich merke schon, er sucht etwas anderes - und wird fündig. Zuerst ein Mehl um Farofa zu machen, da es fest verpackt und beschriftet ist glaubt er mir das auch. Schwieriger ist es beim goma de tapioca. Es ist ein weißes, ganz feines Mehl, das auch so richtig zusammengepresst ist. Er wurde sehr skeptisch und hat mir nicht vetraut, ich hab ihm sogar vorgeschlagen zu zeigen, wie man aus dem Mehl tapioca macht, aber er hatte dort keine Kochmöglichkeit. Also musste er einen Kokaintest holen. Währenddessen durfte ich schon mal raus und den Wartenden um den Hals fallen, das war schön. Eine halbe Stunde später konnte ich mit dem goma nach Hause fahren, wo ich nun auch bis zum nächsten Mal anzutreffen bin.

 

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