Versuch eines Besuchs oder bleibt alles anders



07.02.03
Der Flug von München über Frankfurt und Rio verläuft planmäßig, dass das nicht selbstverständlich ist, werde ich erst einige Wochen später würdigen können. Im Flugzeug lerne ich Gabriela, eine Politikwissenschaftstudentin kennen, die in Rio ein Praktikum beim Auslandsjournal das ZDF machen wird. Später denk ich oft an sie, da in Rio starke Kämpfe zwischen der Polizei, dem Militär und den Drogenbanden der Elendsviertel den Karneval überschatten. Die großen Städte Brasiliens haben ihren eigenen Krieg.


08.02.03

In Natal angekommen, werde ich von Sabino und einigen Freunden abgeholt, Stimmung gespannt bis angespannt… haben sich die anderen verändert, empfinde ich ihnen gegenüber noch so wie bei meiner Abreise? Die Luft hat wieder die gewohnte Dichte und die Sonne brennt in den Augen.
Mãe Luiza - es ist wie nach Hause kommen nach einiger Zeit der Abwesenheit, vieles vertraut und zugleich wieder fremd und unerwartet. Der Lärm, die vielen Menschen…. Sabino bringt mich zum Espaço solidário, wo Lêda, die Mutter meines zukünftigen Patenkindes auf mich wartet. Das erste mal sehe ich Lucas, das Kind, er ist sehr groß für seine 9 Monate, hat recht klare Haut und ist einfach süß und ganz fröhlich. Ich quartiere mich bei Lêda und Fernando (dem Vater) ein. Sie haben ein kleines Haus gebaut, Schlafzimmer, Küche, Bad und Wohnzimmer. Mein Platz ist die Hängematte im Wohnzimmer. Am Abend ist gleich Messe, ich treffe wenig gealterte Gesichter, alles wie eh und je und eine große Freude. Unzählige Namen, deren Erwähnung ich auslasse, da ich selbst keinen Überblick wahren kann. Es folgen etliche Gespräche, die ähnlich begannen. "Du bist zurückgekommen!" Anscheinend hatte es niemand geglaubt. Ich selbst fand es auch merkwürdig, dass ich weg war.

09.02.03
Mãe Luiza hat einen neuen Strand, dort wo hohe Apartmenthäuser errichtet werden, wurde die ehemalige Steinküste mit Strand aufgeschüttet, der Name des Strandes ist offiziell MIAMI, doch die Mãe Luizaner nennen ihn Praia de Oi. Oi heißt soviel wie Hallo. Strand des Hallo steht insofern dafür, dass man dort alle Leute kennt und ständig Oi sagt. Eigentlich sollte mit dem Strand der Bereich interessanter für den Tourismus werden, doch jetzt ist der Strand fest in den Händen der Bewohner Mãe Luizas. Den Sonntag hab ich dort verbracht und hatte so die Chance ganz oft "Oi" zu sagen und am nächsten Tag dann "Aua", da ich in der Sonne wohl zu unvorsichtig war.

10.02.03
Ich klapper alle Einrichtungen des Centro ab und begrüße alte KollegInnen und SchülerInnen. Pünktlich zur Hitzewelle bleibt das Wasser weg - Kübelschleppen vom Haupthahn ist angesagt. Nachmittags geht´s mit Fernando und Lucas zum Kokoswasser trinken.

11.02.03
Ich sehe das erste mal Big Brother Brasil. Globalisierung lebe hoch, so werden wenigstens alle Völker gleichmäßig mit anspruchsvollen Dialogen und Handlungen versorgt. Das Übliche. Aber es gibt auch eine Show, die ich in Europa noch nicht gesehen habe. Es ist ein reicher Mann aus Las Vegas, der jede Woche 5 Brasilianerinnen trifft und jede Woche eine in die engere Wahl nimmt. Von dieser einen, die er jede Woche wählt, lernt er die Familie kennen, die natürlich arm aber superfreundlich zum Gringo ist. Von den 10 Frauen in der Endauswahl heiratet er eine und nimmt sie mir nach Las Vegas in sein Haus, das natürlich auch gezeigt wurde. War im casa crescer und hab Photos und Briefe der Grundschule Penzberg gezeigt, Edilsa (die Koordinatorin) war begeistert von der Idee eines Austauschs zwischen einzelnen Klassen. Wir sprachen mit den Lehrerinnen und stoßen auch hier auf Interesse, sie versprechen mit der Klasse etwas zu überlegen, was sie mir dann wieder mitgeben. Am Abend lass ich mich noch die letzten Kräfte beim Capoeira rauben, ich bin stolz, dass ich mich in Deutschland verbessert habe und das auch bemerkt wurde.

13.02.03

Heute Nachmittag hatte ich meinen ersten Versuch, die Wellen am Praia de Oi per Surfbrett zu bezwingen. Die größte Barriere für mich ist es allerdings das reinkommen ins Meer, denn man muss die Wellen überwinden, die einem entgegenkommen und dabei hab ich sehr viel Wasser geschluckt.
Kommt man dann in den Bereich, wo die Wellen sich noch nicht brechen, so ist es recht einfach. Man liegt auf dem Brett und wartet auf eine Welle. Manchmal hatte ich Glück und die Welle hat mich mitgenommen, manchmal war ich aber auch zu spät oder die Welle hat mich verschluckt. Im Endeffekt hab ich es 2-mal geschafft liegend eine Welle zu reiten, das Aufstehen muss in einem perfekten Timing passieren, dazu fehlt es noch weit.


14.02.03
Im Fernsehen kam eine Reportage über Deutschland, da hab sogar ich noch was lernen können. Natürlich kamen die typischen Punkte wie Berlin mit der Mauer, München mit dem Bier (wobei ich gelernt habe, dass Bier nicht den Bierbauch macht, sondern nur den Appetit anregt und der Trinker einfach mehr isst) und das Schloß Neuschwanstein. Aber auch überraschendes wie Hameln mit dem Rattenfänger oder Nördlingen wo die Menschen anscheinend nur in Tracht gehen und ein Mann vom Turm " So, Gsell, so" ruft. In Dresden werden Pferde gegessen und sehr spannend fand ich auch, dass Augsburg und die Fuggerei gezeigt wurden.

16.02.03
Sonntag, das heißt wieder Strandtag. Mit Silvania und Adriana will ich nach Jacuma, einem Strand etwa 1 Stunde von Natal. Doch wir warten an der falschen Haltestelle, also klappt das nicht und wir fahren nach Redinha, dem belebtesten Strand Natals. Wir nehmen den Bus, der schon supervoll ist. Ich sitze und am Gang stehen einige Jungs dicht gedrängt. Einer fängt an Lolo zu schnüffeln, eine Äthermischung, er übertreibt es ein bisschen und kippt kurz darauf auf die Sitzenden vor mir. Einfach so, ohne das geringste Bewusstsein. Da liegt er erst mal bis er wieder ansprechbar wird und er mit Hilfe seines Kumpels wieder stehen kann. Niemand sagt etwas, nach 5 Minuten schnüffelt er wieder und ich bin froh, dass wir bald aussteigen. Dort wird der Tag sehr chaotisch, als wir eine dicht beparkte Strasse überqueren wollen, werde ich von hinten angefahren und falle zu Boden unter ein geparktes Auto. Da viele Leute auf der Strasse sind, halten sie den Fahrer auf, Polizei ist auch gleich da, hat alles gesehen. Ich war gleich wieder auf den Beinen, mir ging es gut. Bloß alle Umstehenden glauben in Hysterie ausbrechen und für mich kämpfen zu müssen. Ein Riesengeschrei, bis mich endlich ein Polizist beiseite nimmt und ich ihm klarmachen kann, dass ich erwachsen bin, es mir gut geht und ich nicht ins Krankenhaus will. Ich mache mit dem Fahrer aus, dass er mir Geld für eine Salbe gibt, außerdem seine Nummer, für den Fall. Ich will bloß, dass der Tumult ein Ende hat, der Fahrer war Schuld, das hat die Polizei dann mit den engagierten Zeugen geregelt. Wir haben uns mit dem Geld erstmal an eine Bar gesetzt und ein Bier auf den Schreck getrunken. Für meine Begleiterinnen war es wohl schlimmer als für mich. Und doch kamen danach Tipps wie "du hättest länger am Boden liegen bleiben und weinen sollen, dann hättest du sicher mehr bekommen…" Ich hoffe mal, das war nicht ernst gemeint… Als dann mit dem Steigen des Alkoholkonsums Raufereien rund um uns anfingen, bestand ich dann doch darauf, diesen Tag am Strand zu beenden.

18.02. - 22.02.03
Martins:

Diese Tage verbringe ich in Martins, dem am höchsten gelegenen Ort des Bundesstaates. Es ist ein kleiner, ganz ruhiger Ort, eingebettet in eine wunderbare Landschaft aus kleinen Bergen, Wasserfällen und Steinhöhlen, dazwischen endlose Weiten. Ich kann mit dem Mototaxi alle interessanten Punkte erreichen und genieße die Natur, das Grün und die Ruhe. Das ist es, was in Mãe Luiza schwer zu finden ist.

 

 

 

 

 

Casa de perda -
Steinhaus mit Eingang in der Mitte


25.02.03
Ich habe die Ehre den zukünftigen Bischof der Erzdiözese am Abend zu treffen. Es ist gleichzeitig ein schon altbekannter, Dom Jaime aus Caicó. Er war letztes Jahr zusammen mit Sabino im Pfaffenwinkel und hat unter anderem die Penzberger Firmlinge gefirmt. Es freut mich, dass er nun schon Ende des Jahres nach Natal kommt. Mittags gab es italienische Spaghetti mit Tomatensoße. In der Zeit, die ich in Mãe Luiza war, besuchte eine Freundin von Sabino das Viertel. Sie heißt Rita und obwohl sie kaum ein Wort Portugiesisch sprach, hat doch jeder sie verstanden. Ich hab sie meistens in der Früh (zwischen sechs und sieben Uhr) am Strand getroffen. Jedenfalls hat sie im Altersheim Spaghetti gekocht…sie konnte jedoch die Geladenen nicht davon überzeugen, dass man in Italien kein Hühnchen, keine Bohnen, kein Farofa und keinen Reis unter die Spaghetti mischt. Sie haben es doch getan und schon war es wieder ein typisch brasilianisch zusammengestellter Teller.

27.02.03
Ein Tag vor Fasching - ich habe den Fehler begangen und bin in einen Supermarkt der Stadt, den Hiper Bompreço. Viele (Ganz Natal! Alle!) haben ihre Einkäufe für das Wochenende dort gemacht. Vor allem die Mittelklasse… da stand also eine Frau vor mir, eigentlich nur eine Frau, jedoch mit 3 Wägen und einem Knaben zum ein- und ausladen. Der war total überfordert mit hinten auf´s Band legen und vorne in die Tüten packen. Dann sind der Dame mittendrin noch Sachen eingefallen, da kann man dann jemanden auf Inlineskates rufen, der das noch besorgt. Im Gegenzug hat sie andere Sachen wieder befohlen aus dem Wagen zu nehmen. Nach ca. einer halben Stunde war der Zahlvorgang beendet und die Karte der Dame um über 900 Reais leichter. Das sind über 300 Euro und in Brasilien über 4 Monatslöhne eines einfachen Arbeiters. Aber der Tag hatte noch mehr zu bieten.

Ich hatte eine Einladung in eine Freikirche namens Philadelphia. Dort war um 3 Uhr nachmittags ein Gebet, bei dem ich dabei sein durfte. Zuallererst fiel mir auf, dass rechts die Männer und links die Frauen saßen, bzw. vor den Bänken knieten. Der Ablauf war dann so, dass nacheinander jeder die Möglichkeit hatte nach vorne zu kommen, wo die "Oberen" (hauptsächlich Frauen) der Gemeinschaft saßen. Am Mikrofon konnte dann jeder entweder für andere beten, ein Lied für Gott singen, seine Bekehrungs-geschichte erzählen oder…

Ein Höhepunkt war ein Mann, der wohl für seine böse Vergangenheit Vergebung erbat und dazu die Hilfe anderer Anwesender forderte. Also kamen einige nach vorne und knieten sich vor ihn… nun ging es los, der Mann begann und mit ihm alle anderen, alle schrieen, ja flehten gleichzeitig irgendetwas vor sich hin. Wurde der Vorbeter lauter, so wurden auch die Rufe der anderen entsprechend lauter. Verwunderlich, dass alle wie in Trance vor sich hinflehten, aber dann doch gleichzeitig endeten. Später (das ganze dauerte 2 Stunden) begannen sie dann noch in fremden Sprachen zu sprechen, sie denken, es wäre japanisch, griechisch, keine Ahnung, sie haben den Glauben, dass Gott ihnen die Sprachen gibt. Als krönenden Abschluss für mich, die ich nach dieser Zeit eh schon bisschen von den Geschichten genervt war, hat eine Frau mich gefragt, ob ich nun Jesus annehmen will. Da ich mich in meiner Beziehung zu Jesus, so wie sie ist wohl fühle und nicht dieser Gemeinschaft beitreten wollte, sagte ich nein. Sie war dann etwas beleidigt und hat noch mal ihre Berufungsgeschichte erzählt und so… ich war dann echt froh wieder draußen im Rummel zu sein. Ich hab mich dann gefragt, was die Menschen schreien, wenn es ihnen gut geht, wenn sie keine Probleme haben. Ich denke, das ich der Punkt, warum diese Gemeinschaften in Südamerika so boomen, die Menschen suchen einen Ort an dem sie alles rausschreien können und um so besser, wenn andere da sind, die es verstehen und mit einem Alleluja alle 3 Sätze bekräftigen. Geheuer ist mir deren Bibelauslegung und Teufelsvertreibung jedenfalls nicht.

01.03.03 - 04.03.03
Carnaval:
Natal ist nicht unbedingt eine Faschingshochburg, deshalb fahren viele Leute in die Städte, in denen mehr geboten ist. Da das aber auch immer mit Geld für den Bus verbunden ist, können nicht alle es sich leisten. Da einige meiner Freunde zu jenen gehören und Lêda und Fernando arbeiten mussten, hab ich diesen Fasching auch in Natal verbracht. So hatte man tagsüber seine Ruhe und abends konnte man weggehen, wenn man will. Ich war beim Umzug und Wettbewerb der Sambaschulen, beim traditionellen Umzug in einem kleines Viertel von Natal mit ganz tollen Kostümen und beim Ball der kengas. Kenga ist der Begriff für einen Mann, der sich als Frau verkleidet, so gab es im Rahmen des Balles die Wahl der hässlichsten kenga. Wir als Publikum kamen wirklich auf unsre Kosten.

08.03.03
Tag der Frau - ob man davon in Deutschland auch weiß? Da muss man ja einen Frauentag machen… Mit Rosi und Rita entscheide ich mich noch mal zu versuchen nach Jacuma zu fahren. Diesmal haben wir zuvor angerufen wann und wo der Bus fährt. Doch als wir zu besagter Zeit an besagtem Ort ankommen, fährt der Bus erst in einer Stunde. Der Fahrer meint, die in der Zentrale hätten halt keine Ahnung. Gut, wir sind dann einfach an einen anderen Strand, Búzios, und sind dort zu einem See in den Dünen gelaufen…ich kam mir vor wie bei einer Durchquerung der Sahara, heißer Sand im Gesicht und im Kopf die Sehnsucht nach dem Wasser, das doch nach der nächsten Düne auftauchen müsste. Irgendwann war der See auch da und wir waren ganz allein im Schatten eines Baumes. Später haben wir am Meer noch Krebse gegessen, die aber eigentlich wenig Fleisch hergeben, schmecken jedoch vorzüglich.

Abends war Messe und nach der Messe haben wir den Lucas Felipe getauft, oder besser gesagt Sabino hat ihn getauft. Es ist mein erstes Patenamt und natürlich war es ein schöner Moment, auch wenn ich danach nässer war als der Täufling. Am nächsten Tag gab es dann das große Familienessen mit Grill und Kuchen. Abends um sieben haben wir auch eine Kerze ins Fenster gestellt um für den Frieden ein Zeichen zu setzen.Ich war überrascht, doch in Mãe Luiza sind viele Menschen der Aufforderung gefolgt.

Auch hier hat man Angst vor einem Krieg, es gibt schon genug Leid auf der Welt.

 

11.03.03
Am Abend treffe ich eine alte Bekannte, sie hat viele Freunde in der Mittelklasse und besorgt z.B. oft Anwälte, die dann umsonst Fälle von Menschen in Mãe Luiza vor Gericht vertreten. Diesmal sind wir mit ein paar Justizmenschen aus Acre (einem anderen Bundesstaat) zum Pizzaessen. Aber zuerst haben wir sie in ihrem Hotel an der Küste abgeholt, es ist eines der 5-Sterne Häuser. Ich war wieder baff, die Nacht für 300 Reais, das Hotel lässt keine Wünsche offen. Jedenfalls geht es denen gut, die dort verwöhnt werden. Dadurch, dass viele aus Mãe Luiza auch in Hotels arbeiten, weiß ich allerdings auch, wie der Alltag und Lohn der Arbeiter ausfällt. Es ist wirklich Ausbeutung, wenn das Hotel gut belegt ist, müssen sie 7 Tage die Woche 10 Stunden arbeiten, ist nichts zu tun, werden sie von einem Tag auf den anderen weggeschickt ohne zu wissen, ob man sie später wieder braucht.

13.03.03
Ich habe eine Privatschule besucht, in die der Sohn einer Bekannten geht. Man zahlt dort 208 Reais Schulgeld im Monat. Dafür ist die Schule aber auch extrem… riesengroßes Gelände, Sporthalle, 2 Schwimmbäder, Kantine, Musikunterricht, viele Labors, Computerbenutzung und Nachmittagsbetreuung mit Hausaufgabenraum. Dazu gehört auch eine kleine Farm, auf der die Schüler Biologieunterricht bekommen. So Schulen entwickeln immer ein großes Gemeinschaftsgefühl, wie man es auch aus amerikanischen Filmen kennt. Die Schüler sind sehr stolz und vor allem im Sport gibt es Wettkämpfe untereinander. Die Schule befindet sich exakt unterhalb von Mãe Luiza, doch ich kenne kein einziges Kind aus dem Viertel, das sie besucht.

14.03.03
Um 9.30 Uhr ist Messe im Espaço solidário. Ich will hingehen, lande letztendlich dann aber in der Küche und helfe das Mittagessen zu kochen. Da es so gut gelungen ist bleib ich gleich zum Essen. Ich hab nette Gesellschaft, denn in der Nacht kamen 2 Schweizerinnen an, die nun 6 Monate in Mãe Luiza bleiben. So konnte ich mal wieder das bitter nötige Französisch praktizieren und zwischen Bewohnern und Neuankömmlingen übersetzen.

15.03.03
Der letzte Tag in Brasilien. Gestern haben wir ein großes Abschlussfest am Strand gemacht. Es war zwar kein Vollmond aber doch eine wunderbare Nacht. Nach anfänglichen Kontakten mit der Polizei haben wir noch mal den Standort des Feuers wechseln müssen, dann konnten wir in Ruhe feiern. Der Rauch des Feuers hatte ein Hotel in eine Wolke gehüllt, die die Klimaanlage wohl nicht verarbeiten konnte.

Ein Freund hat seine Band mitge-bracht und so kam ich noch in den Genuss von Pagode, Samba, Forró. Aber auch brasilianischer Rock und Pop, es war einfach richtig gemüt-lich und angenehm mit dem Wind, dem Meer, dem Sand, Pitu, Früchten und Fleisch am Grill. Vormittags war ich dann doch noch mal am Strand zum Abschied-nehmen vom Meer, bevor es zum Flughafen ging. Sabino konnte mich nicht hinbringen, da er Versamm-lung mit den LehrerInnen hatte, also haben wir ausgemacht, dass der Bus des Altenheims fährt und das gleich mit einem Ausflug verbindet.

Also haben wir 8 ältere Herrschaften eingepackt und für einige war das der erste "trip" jenseits Mãe Luizas. Das Aufzugfahren hat so auch bei einer Dame zu einem Quasiherzinfarkt geführt, es war schön, das Staunen und auch den Schrecken in den Gesichtern zu sehen. Es war nicht sehr schwer wieder zu fliegen, denn ich habe gesehen, dass der Besuch sinnvoll war und es einfach gut war, dass ich zurückgekommen bin. Es war sicher nicht das letzte Mal.

Hier bitte nur weiter lesen, wenn man nicht allzu bald eine Flugreise antritt oder so…

Doch nun beginnt der schlimmste Teil der Reise, der Flug hat eine Zwischenlandung in Recife, einige steigen aus und andere zu. Dann hebt das Flugzeug wieder ab und macht sich auf in Richtung Rio de Janeiro, wo es allerdings nie ankommen soll. Wir waren gerade mit unserem Abendessen -Lasagne- beschäftigt, 5 Minuten zuvor hat der Pilot uns erklärt, dass wir über Salvador de Bahia fliegen. Da fallen die gelben Sauerstoffmasken von der Decke - diejenigen, die uns den Beruf der Stewardess so unattraktiv machen und Mitleid erwecken. Irgendwie dachte ich zuerst, dass das wohl ein technischer Fehler ist und sie nicht hätten fallen sollen. Viel passiert ganz gleichzeitig, einige Menschen stoßen geschockte spitze Schreie aus, Kinder weinen. Als dann meine Nachbarn die Masken aufsetzen, muss ich auch realisieren, dass es wohl ernst ist und ziehe mir auch eine davon runter. Der Pilot spricht etwas über Bordfunk, dass wir runter müssen, schnell. Wir schnallen uns an, das Schlimmste ist der Herzschlag, der so laut wird, mit der Zeit schmerzen die Ohren und drohen den Kopf zu zersprengen. Ein Steward läuft mit einem tragbaren Sauerstoffgerät herum und versucht jenen zu helfen, die Probleme mit der Maske haben. Vor allem die Kinder schreien, da sie die Maske nicht aufbehalten wollen und Schmerzen haben. Die Stewardessen sind im hinteren Teil der Maschine mit irgendetwas beschäftigt, immer wieder gehen unsere Blicke nach hinten. Irgendwie gibt es bisschen Rauch, wenn man in´s Licht schaut. Ich habe Angst, dass Feuer ausbricht… man weiß irgendwie nicht, wie lange das geht, ob´s plötzlich Rums macht oder was auch immer. Jedenfalls glaubt man nicht wirklich, dass das ganze gut gehen kann. Ich habe kein Zeitgefühl mehr, konzentriere mich auf den Sauerstoff in der Maske, versuche ruhig zu bleiben. Irgendwann werden wir informiert, dass wir in Salvador notlanden, ab einer gewissen Höhe können wir die Masken abnehmen, stellen das Essen auf den Boden, halten uns fest und - landen in Salvador. Ich habe noch nie so eine Erleichterung gespürt, es ist unglaublich, die Menschen applaudieren, fallen sich um den Hals… das Flugzeug wird noch von der Feuerwehr begleitet, dann haben wir wieder festen Boden unter den Füßen. Ich höre immer noch nichts, wir bekommen Becher mit feuchten Tüchern, die wir an die Ohren halten, helfen tut´s aber nicht. Nach einiger Zeit werden die ausgerufen, die nach Frankfurt geflogen wären. Wir sind 5 Deutsche und bekommen einen Flug nach Madrid, noch am selben Abend. Da das noch dauert dürfen wir noch einen Essensgutschein einlösen und kaufen eine Pizza, auf die dann doch keiner Appetit hat. Mit mulmigem Gefühl geht es mit der Maschine nach Madrid, es geht mir soweit gut, aber schlafen kann ich nun wirklich nicht. Von Madrid ging´s nach Frankfurt, von da nach München. Mit doch nur 2 Stunden Verspätung lande ich in München, freue mich auf zuhause. Doch zuerst einmal fehlt ein Gepäckstück, also muss ich noch die Erklärung schreiben, es dauert natürlich. Ich will Ansi Bescheid sagen, dass es noch dauert und hab Grund zur Riesenfreude, denn Vincent ist auch da… Jetzt hab ich´s eilig und will nur noch raus… Doch weit gefehlt. Der Zollbeamte hat grad nichts anderes zu tun und winkt mich auf die Seite. O.K. Das heißt er öffnet mein ganzes Gepäck, für den entströmenden Duft entschuldige ich mich noch, er macht ja auch nur seine Arbeit. Nein, ich habe keine Pflanzen, keine tierischen Produkte, keine Tiere dabei. Ob mir jemand Fremdes was ins Gepäck hat? Ob ich Geschenke dabei hab für Personen, die ich nicht kenne. -Nein- Ja, ich habe Alkohol dabei und Früchte, doch in erträglichem Maß, ich merke schon, er sucht etwas anderes - und wird fündig. Zuerst ein Mehl um Farofa zu machen, da es fest verpackt und beschriftet ist glaubt er mir das auch. Schwieriger ist es beim goma de tapioca. Es ist ein weißes, ganz feines Mehl, das auch so richtig zusammengepresst ist. Er wurde sehr skeptisch und hat mir nicht vetraut, ich hab ihm sogar vorgeschlagen zu zeigen, wie man aus dem Mehl tapioca macht, aber er hatte dort keine Kochmöglichkeit. Also musste er einen Kokaintest holen. Währenddessen durfte ich schon mal raus und den Wartenden um den Hals fallen, das war schön. Eine halbe Stunde später konnte ich mit dem goma nach Hause fahren, wo ich nun auch bis zum nächsten Mal anzutreffen bin.


[Quelle: Monika Aigner / www.moni-in-brasilien.de]