16.08.2006

Ich arbeite bis mittags, dann treffe ich Steph und Valerie mit meinem Gepäck am Bahnhof Bern und wir trinken noch einen Kaffee im Tibits zusammen. Hochmotiviert mache ich mich auf den Weg nach Zürich zum Varig Büro. Die Tickets sind parat…einige Brasilianerinnen versuchen ebenfalls neue Flugtickets zu bekommen, der Fall der Varig hatte durchaus weitreichende Konsequenzen. Eine Brasilianerin war z.B. auf Urlaub und kommt seit 2 Monaten nicht zu sich nach hause. Mittlerweile hat sie ihren Job verloren, in Brasilien hat man nur 2 Wochen Spielraum, dann muss man am Arbeitsplatz erscheinen. Ich jedenfalls habe meine Tickets und muss los, lasse das Theater hinter mir und mache mich auf den Weg zum Flughafen Kloten. Alles Weitere läuft reibungslos, auf geht´s nach Frankfurt, weiter nach São Paolo.
Klar schlaf ich nicht so gigantisch viel, aber es ist durchaus o.k. Ich merke, dass die Varig spart: keine Zahnbürsten, ein einfaches Menü, kein zweites Getränk, keine Kopfhörer, Fernseher kaputt…


17.08.2006

In São Paolo bleibt mir schon ein bisschen Zeit zum Akklimatisieren, aber es ist noch frisch hier im Süden. Jetzt noch die Uhr 5 Stunden zurückdrehen, ich fühl mich gleich viel jünger!
Um 14.00 Uhr landen wir in Recife, endlich tropisch feuchte Luft in der Nase und auf der Haut. Der Gedanke, dass ich jetzt 3 Wochen auf die Creme nach dem Duschen verzichten kann, stimmt mich fröhlich. Gut, je mehr Zeit ich der Sonne ausgesetzt bin, desto mehr relativiert sich diese Freude, denn nun muss ich eben Sonnenschutz cremen.
Ich nehme ein Taxi zur rodoviaria und lasse mir vom Taxifahrer die Wahlchancen von Lula erklären. Seiner Meinung nach wird er wieder Präsident. An der rodoviaria gönne ich mir einen selfservice, denn die Snacks an Bord der Varig (Müsliriegel auf einem 5 - Stundenflug) werden meinem Magen nicht gerecht. Um 17.00 Uhr geht mein Bus nach Natal, Loyse verspricht mich um 21.00 abzuholen. Der Bus ist wie erwartet eiskalt, mit Handtuch und Fleecepulli gelingt es mir im superbequemen Liegesessel zu schlafen. Loyse kommt mit einem jungen, symphatischen Mann an ihrer Seite, der mein Gepäck an sich nimmt. Es ist ihr Sohn Matheus, der in den 3 Jahren einiges an Männlichkeit gewonnen hat. Locken zieren seinen Kopf und die Stimme hat den Stimmbruch gut überstanden. Sind wirklich 3 Jahre vergangen? Ja, ich seh´s.
Die Nacht bleibe ich bei Loyse und springe gleich voll ins Geschehen rund um Mãe Luiza. Im Wohnzimmer finde ich alte Freunde von Sabino: Dulce (Architektin), Aparecida (wuchs mit Sabino auf) und Sergio (ihr Mann), Edival (Informatiklehrer im Casa Crescer) und Ion (Loyses Mann, Vizepräsident des Centro und Kinderarzt in Mae Luiza), um über das neue Projekt Museum von Mãe Luiza weiterzudenken. Es geht um die Dokumentation der Arbeit Sabinos, um die Geschichte Mãe Luizas, um Material, das ins Internet gestellt werden und übersetzt werden soll. Darum, was mit Sabinos Haus und seinen Sachen geschieht. Es ist davon die Rede, Sabinos Haus für Gäste, als Museum und als Denkmal für ihn zu nutzen.
Ich verfolge alles mit Spannung und fühle mich schon wie zuhause.
Und dann wird geschlafen. Boa noite!


18. August 2006

Gar nicht so lang. Ich wache um 6.00 Uhr auf und nach einem Frühstück mit den ersten Mamãos und Abacaxis geht’s mit Loyse und Sabinos Auto (das nun dem Centro zur Verfügung steht für alle möglichen Fahrten) schon nach Mãe Luiza. Ich erfahre, dass Elisabeth, ich und Dieter zusammen mit Heriberto und Silvania in Sabinos Haus wohnen sollen, Familie Matschl soll ins Gästehaus. Zuerst bin ich etwas geschockt, es macht sich ein Frosch im Hals bemerkbar…ja Sabino ist einfach nicht mehr da, auch hier nicht.
Ich schau zum Hallo sagen im Sekretariat vorbei. Am PC lächelt auf dem Desktop Sabino dem Betrachter ins Gesicht. Dann gehe ich zur Messe im Espaço solidário. Hier erlebe ich Padre Charles, einen jungen Priester, der nun die Gottesdienste freitags dort übernimmt, bis sich ein Priester für Mãe Luiza finden lässt. Er gibt sich Mühe, bindet die Menschen ins Geschehen ein, indem er z.B. auf die Predigt verzichtet und an deren Stelle die Leute beten, singen und reden lässt. Obwohl ich es nicht will und es nichts bringt, vergleiche ich die jetzige Stimmung mit dem „Früher“. Es wird wieder schmerzlich klar, wie besonders und wie wirklich und wahrhaftig Sabino als Priester war. Auch wenn die Messe für mich nicht mehr die gleiche Kraft hatte, dieser Ort Espaço solidario ist einfach magisch. Endlich darf ich meine Zehen ins Schwimmbecken stecken, sehe den Anbau der weiteren Zimmer. Und vor allem: Ich treffe die idosos, vertraute Arme umschliessen mich, ich bin ganz nah an ihren Herzen. Hier fehlt Sabino den Menschen, er war hier, sooft er konnte und die Menschen hier dürsten nach seinen Berührungen, seinem Lachen und seiner Anwesenheit. Gleichzeitig ist die Freude über unser Wiedersehen gross und wohltuend. Auf den Strassen laufend sehe ich viele bekannte Gesichter. Kinder, die zu Jugendlichen geworden sind, Jugendliche, die zu Eltern geworden sind, Kinder, die neu auf dieser Welt sind.
Am Nachmittag machen wir einen schwierigen Schritt. Edilza, Loyse, Janecleide, Heriberto (2 aus dem Jugendchor) und ich machen uns auf zu Sabinos Haus und versuchen Ordnung zu machen. Ausser Loyse und Fatima hatte bisher niemand etwas am Haus gemacht, sie hatte nach seinem Tod die Wertgegenstände und technisches Gerät geholt. Alles Weitere war so, wie Sabino es vor seiner Reise hinterlassen hatte. Das Geschirr im Abtropfgitter, die Zahnbürste am Waschbecken, die Sandalen neben der Tür. Das tut weh sein Haus zu betreten und Gewohntes und Geliebtes zu sehen. Ihn in der Erinnerung in seinen Stühlen zu sehen, eine Orange schälend oder seine Brille putzend.
Wir fegen, wir verräumen, wir wischen, wir greifen an, weggeschmissen wird nichts. Seine Sachen berühren, Bücher in die Hände nehmen, viel Papier stapeln. All das tut plötzlich doch gut. Wir lachen, wir erinnern uns an ihn, wir machen alles bereit für den Besuch. Ich finde, dass alle Deutschen hier wohnen sollten, es ist genug Platz und das Haus ist einfach sicherer als das Gästehaus.


19. August 2006

 

Solange die anderen noch nicht da sind, schlafe ich bei Leda, Fernando und Lucas, so kann ich meinen Patensohn ein bisschen erleben. Er ist bildhübsch, nun 4 Jahre alt und nach einer anfänglichen Schüchternheit verstehen wir uns bald bestens. Wir bauen gemeinsam Lego, das ich ihm mitgebracht habe und er nennt mich bald ganz selbstverständlich „madrinha - Patentante“.

Da ich mich nicht mehr genau erinnern kann, wann die Matschls ankommen, rufe ich noch mal vorsichtshalber bei ihnen in Penzberg an, und siehe: sie kommen schon am Sonntagabend mit der TAP an. Eigentlich dachte ich, sie kämen am Montag, wie auch Dieter und Elisabeth. Aber das ich alles kein Problem. Das Haus wird noch fertig geputzt, Handtücher, Leintücher und Hängematte gewaschen. So ist alles bereit für die Ankunft.
Lucas

Am Abend dieses Samstags geh ich in die Gemeindemesse. Auffallend wenige Leute sind gekommen. Gleich werden die BesucherInnen mit einem grossen Bild Sabinos hinter dem Altar konfrontiert. Es ist makaber, aber auf dem Foto sieht man hinter ihm den Schriftzug „sem vida“ – ohne Leben. Das Foto zeigt Sabino bei einem Seminar dieses Jahr als „profeta do morro - Propheten des Hügels“. Viele BewohnerInnen tragen nach seinem Tod auch T-Shirts mit einem Bild Sabinos und ebendiesem Schriftzug „profeta do morro“. Ob ihm dieser Personenkult gefallen hätte, kann jeder, der ihn kannte, einschätzen. Doch den Menschen tut diese Form des Erinnerns gut und sie wollen ihn nicht vergessen. Der Samstagabendgottesdienst ist momentan ein grosser Sorgenpunkt im Leben der Gemeinde Mãe Luizas. Bisher kommt jeden Samstag ein anderer Pater. Das kann gut gehen oder auch nicht. Diesen Samstag war Pe. Geraldo da, er ist etwa zwischen 80 und 90 Jahre alt. An seiner Seite hatte er einen jungen deutschen Konzelebranten aus Mühldorf. Er besuchte mit einigen Gemeindemitgliedern Mãe Luiza, das sie über Elisabeth Raboud (eine Deutsch-Schweizerin, die seinerseits das Casa Crescer gegründet und mitaufgebaut hat) kennengelernt haben. Die Gruppe war 2 Wochen in Natal, wohnte jedoch in einem Hotel.
Pe. Geraldo liest die Messe im wortwörtlichen Sinne vom Blatt ab, wobei ihn seine Leseschwäche jedoch manchmal zu längeren Pausen zwingt. Der Kontakt mit der Gemeinde blieb da jedenfalls zwischen den Zeilen hängen. Der junge Pfarrer aus Deutschland darf das Evangelium noch auf Deutsch lesen, wobei die Gemeinde leider gar nicht erklärt bekommt, was nun da vorne passiert. Sie wussten nicht, ob sie stehen, sitzen, klatschen oder sonst was sollten. Es war wirklich traurig, aber rückblickend auf die anderen Gottesdienste war es noch am erträglichsten. Wichtig ist doch die Messe als der Treffpunkt der Gemeinde, ich habe viele alte und liebe Gesichter gesehen und der Friedensgruss wird zum wichtigsten Element der Feier. Doch ich kann auch nicht verschweigen, dass viele Menschen jetzt keinen Sinn mehr darin sehen, in die Kirche zu gehen, wenn Sabino nicht mehr da ist.


20. August 2006

Ich verbringe den Tag mit Leda und Lucas bei ihrer Familie in Nova Parnamirin, wo es ein gutes, brasilianisches Mittagessen gibt.
Wir kehren rechtzeitig zurück, um mit Loyse, Ion und einer Gruppe von Jugendlichen vom Chor die Matschls am Flughafen abzuholen.Ihr Flug ist etwas verspätet, als sie dann endlich da sind, gibt es Freudentränen und ein herzliches, gesungenes „amigos para sempre“ von Seiten der Brasilianer. Ion zeigt gleich sein im Deutschkurs erlerntes Wissen und begrüsst die Gäste mit einem „Willkommen“.

Ion zeigt gleich sein im Deutschkurs erlerntes Wissen und begrüsst die Gäste mit einem „Willkommen“.In 2 Autos geht’s nach Mãe Luiza und nach dem „bem-vindo“ und dem wortwörtlichen Eis-Brechen (ich bat Heriberto das Eis unter den Jugendlichen zu brechen, woraufhin er sehr selbstbestimmt zum Kühlfach ging, Eiswürfel hinausnahm und begann sie zu brechen) sind wir bald schlafbereit und fallen in die Betten.
Ankunft der Familie Matschl


21. August 2006

Am nächsten Tag überraschen die Matschls mit wenig Schlafbereitschaft, schon kurz nach 6 stehen Gisela und Klaus auf der Matte. Also gibt es bald ein reichhaltiges Frühstück, Alex macht Bekanntschaft mit einer süssen Frucht namens Abacaxi, der er fortan nicht mehr wiederstehen kann. Vormittags ist der erste Wunsch „Strand“ und so gehen wir mit den Jugendlichen Heriberto, Janicleide und Kamilla an den Praia de Oi und lassen die Gäste das Meer erobern.
Spiele am Strand

Ausserdem gibt´s ein paar Strandspiele bevor es weiter geht zum Espaço, der unsere Mittagsküche ab sofort garantieren wird. Ab heute gibt es bis auf einige Ausnahmen Reis, Bohnen (feijão), Farofa, Fleisch (freitags Fisch), Salat, Saft und Früchte. Am Nachmittag fährt wieder eine Gruppe zum Flughafen, um Dieter und Elisabeth abzuholen. Es ist total schön Elisabeth in Natal wieder zu sehen und Dieter überrascht uns alle mit seinen Portugiesischkenntnissen. Die anderen haben im Haus schon einen Willkommenscocktail vorbereitet und die ersten Lieder werden angestimmt.
Am Abend gab´s dann in der escolinha einen grösseren Empfang mit Fruchtbuffet und noch mehr brasilianischen Speisen.
Dieter, Klaus und Gisela überzeugen mit Schuhplatteln und sorgen dafür, dass mehrere Brasilianer zu bayrischen Rhythmen die Beine schwingen.
Höhepunkt dieses Abends war jedoch das allseitige Fotoshooting in allen Variationen und Zusammenstellungen. Wir fühlten uns wie Stars und Sternchen auf dem roten Teppich, auch wenn´s nur Sand unter unseren Füssen war.
Fruchtbuffet beim Empfangsfest

Um das Schicksal nicht herauszufordern, machten wir uns schon bald wieder auf den Weg ins Haus. Mãe Luiza hat nämlich in den letzten Jahren an Sicherheit eingebüsst. Wir haben selber nicht viel mitbekommen, aber 2,3 nächtliche Schiessereien waren doch dabei. Nicht, dass es die nicht auch schon früher gegeben hätte, doch heute sind die Waffen wohl schwerer und die Gefechte alltäglicher. Wenn man montags dann Gesprächen folgt, könnten sie in etwa so stattfinden:
„ Wie war das Wochenende? Gab es eine Schiesserei?“
„ ja, ich glaub, da und da,…“
„ Und gab´s Tote?“…

Die folgende Nacht war denn auch etwas unruhig. Zum einen musste dank unseres mathematischen Durchblicks Dieter auf dem Boden schlafen (er genoss laut eigener Aussage besonders die Nachbarschaft der Kakalaken), zum anderen gab´s Musik und anscheinend auch Schüsse.

22. August 2006

Jailson (Polizist und Mann von Janainha) holt morgens um halb 7 die Erwachsenen zum Joggen ab. Bei seiner Rückkehr hat er beträchtlich an Fitness eingebüsst. Man muss dazu sagen, dass Dieter, Gisela und Klaus praktisch in die Profiläuferklasse einzuordnen sind. Dieter befindet sich grade in der Vorbereitungsphase zum Marathon. Vormittags sind wir mit Edilza in Mãe Luiza unterwegs. Sie zeigt uns die Wiege Mãe Luizas, erklärt die Grundstücksproblematik und wie der Kampf der BewohnerInnen für eine rechtmässige Ansiedlung aussieht. Eigentlich ist Mãe Luiza auf dem Gebiet eines Naturschutzgebietes entstanden und die Auseinandersetzungen rund um den Zaun sind zahlreich. Am Nachmittag werden wir Sergio anvertraut. Er ist Historiker und der Mann von Aparecida, die eine enge Freundin von Sabino war. Mit Sergio lernen wir die Geschichte Natals kennen. Portugiesen, Holländer, Weisse und Schwarze machten Natal zur Stadt, die sie heute ist. Als Abschluss besichtigen wir die Forte, die Festung von aussen (da sie schon geschlossen hat) und geniessen den Sonnenuntergang. Abends wird Alltag gelebt, Elisabeth und Dieter gehen ins Internetcafe von Adriano und Klaus begibt sich vertrauensvoll in die Hände einer Friseuse.

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