23. August 2006

Morgens steht wieder Laufen auf dem Programm. Ich gehe mit und wir laufen in Richtung Ponta Negra, das wird nun die favorisierte Strecke. Jeder in seinem Tempo und in seiner Länge.
Aparecida führt uns nach dem Frühstück (gewöhnlich zusammengestellt aus Brot, Käse, Wurst, Ananas, CuzCuz, Saft und Kaffee) in die spezielle Geschichte Mãe Luizas ein. Von der Hebamme über die Schule „de pé no chão“ bekommen wir eine interessante Historie mit vielen Hintergründen geliefert. Am Nachmittag besuchen wir den espaço solidario ausführlich und erfahren einiges über das Selbstbild der Bewohnerinnen und Bewohner.

24. August 2006

 

Die Tage sind lang und anstrengend. Gott sei Dank.
So hat man das Gefühl, dass man etwas erfährt, macht, lernt und gibt.
Heute sind wir morgens und nachmittags im Casa Crescer (Nachhilfeschule für 200 SchülerInnen) und bieten unsere Tänze dar. Im Gegenzug dürfen auch wir den Vorstellungen der SchülerInnen folgen und uns mit allem Unverständnis überraschen lassen.
Bayrische Tänze


Sie zeigen Theaterstücke, Tänze und Gedichte. Und auch das Casa Crescer hat sich auf die Besucherströme eingestellt. Es gibt nun eine 4-köpfige Gruppe, die BesucherInnen das Casa Crescer vorstellt und durch die Räumlichkeiten führt. Am Ende des Tages sprechen wir noch mit den LehrerInnen, alle stellen sich vor und Dieter beginnt hier mit seiner Karriere als Interviewer.
Am Abend seilen Silvania, Elisabeth und ich uns ab und fahren ins neue shopping. Es heisst Midway shopping und würde ich shoppings in Nordamerika kennen, würde ich sagen, es gleicht so einem typischen shopping center Nordamerikas. Gross, sauber, klimatisiert und eigentlich immer die gleichen Geschäfte. Dazu einen Stock voller Restaurants und ein Kino. Nun, es hat mir jetzt nicht so zugesagt, wir haben geschaut, flaniert, wie man das nun mal so macht.

25. August 2006

Es geht weiter auf unserer Sightseeing - und Promotiontour (für bayrische Tänze). Heute steht der Espaço livre (Kindergarten) auf dem Programm. Auch er wurde in den letzten Jahren ausgebaut, vergrössert. Der Spielplatz ist grösser, ein Dach mit Rankpflanzen sorgt für Schatten, es gibt ein Spielzimmer, eine Bibliothek und den grossen überdachten Platz mit Bühne, wo die Vorstellungen stattfinden.
Auch die Eltern sind eingeladen, denn jeden Freitag präsentieren die kleinen SchülerInnen hier die Ergebnisse der letzten Woche. Diese Woche arbeiten die Kleinen gerade mit brasilianischen Autoren. Jede Klasse lernt Texte und Gedichte eines bestimmten brasilianischen Autors. Sie erfahren auch etwas von der Biografie und all ihr Wissen geben sie an diesem Freitag an uns und die weiteren Zuschauer weiter. Wie jeden Freitag beginnen sie mit der Nationalhymne, noch mit Unterstützung vom Band.

Dann gibt es Legenden, Gedichte, Geschichten und sogar Ballett. Unser Schuhplatteln wird auch hier zum Renner, die ZuschauerInnen fordern Zugaben und tanzen mit.
Ballett im Espaço livre

Später ist das auf den Strassen so eine Art Erkennungszeichen, wir wissen ziemlich sicher, dass Kinder, die sich bei unserem Anblick auf die Schenkel klatschen dies nicht aus Schadenfreude tun, sondern weil sie uns (oder besser die Männer) tanzen gesehen haben.


26. August 2006

Samstag, das heisst für mich heute Marktbesuch im Alecrim, das ist der wöchentliche Markt von Natal…Düfte, Farben, Formen, … nein ich hatte sie nicht vergessen und es ist wunderbar durch das geschäftige Treiben zu wandeln, fast wie im Traum und doch ist es Realität, ich bin da. Ich kann die Früchte berühren, sie probieren, feilschen und säckeweise einkaufen. Es ist eine richtige Befriedigung das zu erleben, wie eine Tankstelle für die Sinne.
Zur Stillen meines Durstes nehme ich auf dem Rückweg ein agua de coco bei meinem Stammkiosk „Carlos lanches“ am praia de Oi. Am Abend geht’s wieder zur Messe, diesmal ist ein Pater mittleren Alters da. Er fügt der Messe mir unbekannte und doch interessante Details zu ;-). Zu Beginn dürfen wir unsere Nachbarn begrüssen und ihnen sagen, wie schön es ist, dass sie gekommen sind. Während der Messe ist die Gemeinde dann immer wieder um Partizipation gefragt, „wer glaubt an den Gott des Lebens? Der hebe die Hand! Wer glaubt an den Gott der Sklaverei? Der habe die Hand!“ Und so weiter, er redete sehr gern und viel, doch leider nicht sehr abwechslungsreich. Nach der Predigt (über den „deus da vida“) fragte mich Klaus dann, wer denn dieser Vida ist, von dem da dauernd die Rede ist? Nun es ist das Leben. Die Botschaft dieses Gottesdienstes haben wir verstanden. Ausserdem dürfen wir einzelne Textteile des Evangeliums wiederholen und noch einige Male die Hände heben und klatschen. Er war mir persönlich zu charismatisch, die Freude über den Friedensgruss jedoch war wieder ungebrochen. Nach dem Gottesdienst sind wir Deutschen mit den Jugendlichen noch zum rodizio de pizza in Strandnähe gegangen. Wir kennen das in Europa als „all you can eat“.

Die Servierer kamen der Reihe nach mit den verschiedensten Pizzen und man konnte essen soviel man wollte / konnte. Mit italienischer Pizza hat diese Pizza nicht soviel gemeinsam, aber einige interessante Geschmacksrichtungen waren dabei. Hähnchen und Hühnerherz zum Beispiel, oder Palmherzen, nicht zu verschweigen die Schokopizza, die Zuckerstreuselpizza oder pizza mit creme de Leite oder Banane und Zimt. Wirklich für jeden Geschmack etwas dabei. Satt und zugepappt kehrten wir also zurück in unsere Herberge. 
Pizza mit Streusel und Creme


27. August 2006

Der Kalender zeigt Sonntag und ich fahre mit Leda und Lucas ins Interior. Edna, Ledas Schwiegermutter in spe hat Geburtstag und feiert in Lagoa de Pedras, wo sie gerade mit ihrem Mann ein Haus baut. Nun, also wir wollen in der Früh mit dem Bus los, um mittags dann dort zu sein. Um 7.30h machen wir uns auf zur rodoviaria. Als wir dort ankommen heisst es, dass der Bus um 8.30h fährt…die Zeit vergeht, dann ist es doch 9.00h…wir warten weiter, kein Bus in Sicht…9.30h kein Bus. Also fragen wir noch mal nach und die zuständige Frau an der Kontrolle glaubt, dass er nun vielleicht doch nicht mehr kommt. Leda ruft Edna an und erklärt die Situation. Diese ruft ihren Bruder Antonio an, er ist Taxifahrer und wollte auch mit seiner Familie kommen. Wir machen ab, dass wir uns bei irgendeinem nordestão (Supermarkt) in der Stadt treffen. Wir warten ewig auf einen Bus dort hin und treffen dann endlich Antonio. Der hat 3 Mädchen und die sitzen auch schon auf der Rückbank. Wir drei quetschen uns fröhlich dazu und so geht’s zu acht ins interior. Es ist mittlerweile 11 Uhr. Plötzlich stoppen wir an einem „baby-Park“, ein Wasservergnügungspark für Kinder. Antonio setzt uns, Frau und Kinder ab, weil er irgendwo eine Rechnung begleichen muss (am Sonntag ?! mitten in der Pampa?!) Also planschen die Kinder im Wasser und wir trinken einen suco und bestellen einige salgados und Pommes. Wer weiss, wielange das dauern wird. Nach ca. 1 Stunde kommt Antonio wieder und wir setzen unsere Fahrt fort. Schöne Landschaft, freie Felder, Palmen, …abenteuerliche Strassenverhältnisse. Um 14.00h kommen wir an, die Stimmung ist schon gut, es wird getanzt, gegrillt, gegessen und getrunken. Zuerst stillen auch wir unseren Hunger, dann falle ich über diverse Bäume und Früchte her. Pflücke Kokos, Papaya, Banane und lasse mir die Augenbrauen zupfen. Später wurden die Parabens gesungen und die Fotos zur Erinnerung geschossen. Dies in allen Variationen: Geburtstagskind mit Eltern, mit Geschwistern, mit Kindern, mit Cousins und Cousinen, mit Freunden und Neffen und Nichten. Bis der Film voll war. So ein Fest ist das absolute Highlight. Es gibt im Jahr keinen Urlaub, keine Ausgaben für sonstiges Vergnügen.

Die Feste sind absolute Priorität und werden gebührend gefeiert, wenn es sein kann, dann das ganze Wochenende. Für mich ist am Abend Schluss und ich werde mit dem Taxi wieder nach Mãe Luiza gefahren. Im Gepäck Kokos, Papaya und Macaxeira.
Mit Lucas im Interior

28. August 2006

Das war´s also schon wieder mit Wochenende, um 8.00 Uhr haben wir ein date mit Ion, der uns in einer Stunde die geschichtliche und ideelle Entwicklung Mãe Luizas zusammenfasst. Das ist noch mal beeindruckend zu sehen, was in den letzten 20 Jahren alles gewachsen ist und welche Fortschritte es innerhalb des Viertels gab. Man denke nur mal an die Kindersterblichkeit, die Favela Sopapo und das Casa Crescer und den Espaço solidário. Alles hatte in der Stunde mit Ion nicht Platz und alles hat auch auf den Seiten hier keinen Platz.

Nach dieser dichten Vorstellung geht´s auf Besuch in´s Casa Crescer, wo Nina, die Tochter von Gisela, Perlenkrokodile auffädelt und so die Geduld der SchülerInnen schult. Einige haben sich ganz gut gemacht und noch einen Vormittag später sind die Tierchen fertig und haben stolze Besitzer.
Nina, die Perle

Mittags darf ich bei Loyse Mittagessen (nein, ich habe nichts gegen das Essen im Espaço, aber man wird doch mal variieren dürfen?) und sie gibt mir danach beim Geldwechseln Schutz, mittlerweile kann man in Brasilien problemlos Euro wechseln. Am Nachmittag ersteigen wir den Farol, den Leuchtturm von Mãe Luiza. Es gibt dort keine öffentlichen Besuchszeiten, man muss sich nun direkt anmelden. So waren wir ganz allein und liessen uns den Wind kräftig um die Nase wehen. Der Blick war wie immer klar und weit. Von hier sieht man deutlich, wie die Appartmenthäuser an der Küste immer zahlreicher, grösser und aufdringlicher werden. Leider. Damit nicht bald ganz Mãe Luiza von den Immobilienspekulanten in Besitz genommen wird, gibt es ja eben ein spezielles Grund- und Baurecht in Mãe Luiza. Dieses wurde schon vor einigen Jahren als die Spekulationen und Verkäufe losgingen von Dulce und Sabino angestossen. Es besagt, dass Käufer nicht mehrere Grundstücke kaufen und dann zusammenfügen dürfen (max. Grundstücksgrösse ist in Mãe Luiza nun 200m2) und auch nicht höher als 2-stöckig bauen dürfen. Dieses Gesetz wird bald von der Stadtverwaltung revidiert, worauf sich die BewohnerInnen nun einstellen.
Der Tag sagt immer noch nicht adieu und so machen Elisabeth und ich uns noch auf nach Ponta Negra, wo wir etwas spazieren, Açai – Müsli entdecken (eine schwarze Powernahrung der Surfer) und noch Gratis Tanzstunden bekommen (obwohl uns die jungen Männer ursprünglich eine Buggyfahrt verkaufen wollten).

29. August 2006

Es ist der erste wirklich freie Tag unter der Woche und wir starten früh und voller Pläne. Es geht nach Süden, Richtung Pirangi, wo der grösste Cajúbaum der Erde steht. Er ist eine genetische Mutation und er erstreckt sich mittlerweile über 2000m2 und trägt was weiss ich wie viele tausend Tonnen Früchte pro Jahr. Jedenfalls sind wir hier so richtige Touristen, knipsen was das Zeug hält und lassen uns gaaanz echte RayBan Sonnenbrillen andrehen. Meine war 2 Tage später entzwei, die von Klaus 4 Tage später. Ob die anderen noch auf der Nase sitzen?
Von Pirangi geht’s weiter an einen See, den Wilton, unser Fahrer kennt. Wie sich herausstellt eine geniale Idee. Süsswasser und eine gute Distanz um von einem Ende zum anderen zu schwimmen. Wir sind im Wasser sicher über 1 Stunde unterwegs, wobei der Rückweg mit Gegenwind und Wellen sehr sportlich war und für Hunger sorgte.

So gab´s ein reiches und entspannendes Picknick am See, bis wir uns wieder ans Meer begaben, nach Tabatinga. Hier genossen wir noch die letzten wärmenden Sonnenstrahlen und das Salz auf unserer Haut. Auf der Rückfahrt machen wir noch Halt beim Aussichtspunkt, wo man Delfine sichten sollte.
Am See

Wir streiten uns ein bisschen, ob das im Wasser nun Delfine oder Steine sind…nun, die einen glauben nur, was sie sehen und die anderen sehen, was sie glauben. Jedenfalls war es ein schöner Ort und ein schönes Abendlicht.
Am Abend bekommen wir unverhofft frei, wir kochen und die Jugend zieht wieder mit Gesängen und Spielen ein.

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